Pathos statt Nachdenken

[Aus akin-Druckausgabe 6/2022]

Es ist ein Menschenrecht, die Pfeife selbst zu wählen, nach der man tanzt. Man hat daher zu akzeptieren, dass die meisten Ukrainer*innen offenbar die Pfeife des westlichen Kapitals jener der russischen Oligarchen vorziehen. Es ist auch sehr gut zu verstehen, dass sie lieber in einer liberalen Demokratie tanzen als in Putins Demokratur.

Ich frage mich aber, ob der Unterschied zwischen diesen beiden Tänzen wirklich so groß ist, dass ich bereit wäre, mich für ihn von Granaten zerfetzen zu lassen. Oder anders gefragt, ob der Unterschied nicht kleiner ist, als uns die Kampfaufrufe ukrainischer Politiker glauben machen wollen. Es beschleicht mich der Verdacht, dass ihre leidenschaftliche Rhetorik diesen Unterschied so weit aufbläst, damit er möglichst viele Menschen zur Selbstaufopferung motiviert.

Leider kann ich über all das nicht richtig nachdenken, weil mir von der auf mich einströmenden Inbrunst speiübel ist. Da reicht die Konzentration nur für zwei weitere Fragen:

Wieso transportieren die westlichen Medien dieses Pathos so undistanziert weiter? Soll es vielleicht verhindern, dass wir uns fragen, nach wessen Pfeife wir selbst tanzen, und wie viel Gängelung in unserer liberalen Demokratie steckt?
Ich kann aber auch darüber nicht nachdenken, weil eine neue Welle der Übelkeit hochschwappt. Denn soeben ist mir eingefallen, wie reflexartig vormals besonnene Sozialdemokrat*innen und Grüne nun Waffen in die Ukraine senden. Genau wissend, dass das nichts am Ausgang dieses Krieges ändert, sondern nur seine Dauer verlängert und die Zahl seiner Menschenopfer erhöht.

Ja richtig, je länger dieser Krieg dauert und je mehr Opfer er fordert, desto stärker kommt Putins Demokratur ins Wanken. Endlich verstehe ich: Die Ukrainer*innen opfern in diesem Krieg ihre jungen Leben für die Verteidigung unserer Art des Tanzens nach den uns vorgespielten Melodien. Wir selbst können leider nicht mit ihnen kämpfen, weil sonst ein Weltkrieg ausbricht. Wir können nur von den Balkonen aus applaudieren. Unser Pathos ist also der Balkonapplaus für ihr Opfer.

Tschuldigung, da geriet jetzt etwas durcheinander. Balkonapplaus war ja bei der letzten Krise. Vor lauter Kriegspathos habe ich vergessen, welche Krise das war. Möglicherweise irgendetwas mit Gesundheit. Vor dem Hochsteigen der nächsten Übelkeitswelle noch rasch zwei weitere Fragen und ein abschließender Gedanke.

Die erste Frage möchte wissen, ob unser Modell der liberalen Demokratie nicht besser zu verteidigen wäre durch Investition all des nun in Waffenlieferungen und eigene Aufrüstung fließenden Geldes in die Stärkung des Sozialstaats und in den Kampf gegen den Klimawandel.

Bei der zweiten geht es wieder ums Pathos: Soll die feierliche Ergriffenheit, mit der die EU-Gremien auf den Beitrittswunsch der Ukraine reagierten, vielleicht bloß unseren dringenden Wunsch verdecken, dass sie um Gotteswillen bitte, bitte draußen bleiben mögen? Weil wir doch ganz genau wissen, in welcher Situation wir uns spätestens zehn Jahre nach ihrem Beitritt befänden: Die Ukrainer*innen hätten dann all ihre Illusionen über eine bessere Zukunft verloren, was mit unausweichlicher Konsequenz eine Stärkung des Rechtspopulismus in ihrem Land und damit letztlich auch in der gesamten EU zur Folge hätte. Dies aber würde zwangsläufig zu einem weiter und weiter gehenden Abbau der liberalen Elemente unserer demokratisch verfassten EU führen – mit dem Endergebnis einer Angleichung an Putins Konkurrenzmodell der Demokratur.

Die Schlussfolgerung aus dieser Vision ist deprimierend. Denn sie besagt, dass der Kampf der Ukrainer*innen für ihren Beitritt zu einer liberal-demokratischen EU im Falle seines Erfolgs einen wesentlichen Beitrag zur Beschleunigung des Untergangs der so verfassten EU leisten würde.

Karl Czasny

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