Doktor Wlazny und Mister Pogo

An sich ist die Bierpartei eine nette Idee. Die Partei „PARTEI“ hatte ja in Österreich nicht funktioniert — vielleicht, weil sie als zu deutsch empfunden worden ist. Aber ein Simmeringer Dadaist konnte zumindest bei den Wiener Bezirksvertretungswahlen reüssieren. Da durfte Dominik Wlazny auch als Marco Pogo auftreten, denn am Stimmzettel stand ja „Bierpartei“. Bei der Präsidentschaftswahl mußte er allerdings mit dem Namen auf dem Stimmzettel erscheinen, der in seinem Paß steht. Und da schnappte die Seriositätsfalle zu — aus dem modernen Diogenes mit einem Bierfaß wurde plötzlich ein Doktor der Heilkunde. Weil das System es so will: Anstatt wie mit der Bierpartei dem Establishment den Stinkefinger zu zeigen, trat da plötzlich eine Jungversion des amtierenden Präsidenten auf, staatstragend, vernünftig, akademisch gebildet, nur halt pseudorebellisch mit langen Haaren und designerzerrissenen Hosen. Gerade war noch ein Marco Pogo wählbar für humorbegabte Anarchisten, schon ist er beliebt bei den Neoliberalen. Auch die Bobo-„Linke“ schätzt ihn — er gilt als links, wohl deswegen, weil man das bei einem Rockmusiker erwartet, aber so vage, daß er ganz bestimmt niemandem wehtut, vor allem nicht den Besserverdienenden. Das paßt aber auch eben wunderbar zu eben jenen Bobos, die ihr Links-Sein damit begründen, gegen die FPÖ und deren Derivate zu sein und ansonsten sich des Schönsprechens befleissigen, die aber aber ganz bestimmt keine ernstzunehmenden gesellschaftlichen Forderungen erheben.

Hierin liegt die Gemeinsamkeit von Marco Pogo und Doktor Wlazny, in der kompletten Inhaltsleere. Marco Pogo allerdings tat gar nicht so, als wollte er ein ernsthafter Politiker sein, sondern hielt gerade mit seiner Inhaltslosigkeit den etablierten Parteien und deren Wählern den Eulenspiegel vor. Doktor Wlazny hingegen tritt als Politiker auf, der ernsthaft und affirmativ Politik ohne jedes Programm, geschweige denn: Ideologie, verbreiten will. Hier sieht man lediglich die Idee des „good governance“, die gerade in Zeiten, wo hauptsächlich Korruption der Hauptinhalt der Debatten ist, natürlich attraktiv ist, aber halt genau gar nichts in Fragen der Verteilungskämpfe bedeutet.

Das ginge beim Amt des Bundespräsidenten noch an, der ja vor allem als Aufpaßer und Mahner aufgesetzt ist. Und offensichtlich sah sich Wlazny angesichts eines Narrenfeldes der weit rechts stehenden Kandidaten gezwungen, in die Rolle eines seriösen Kandidaten zu schlüpfen. Aber es ist vielleicht nicht die beste Idee, rechten Angehörigen des Establishments, die sich als Anti-Establishment präsentieren, durch Anbiederung an den real existierenden Republikanismus das Feld zu überlassen.

Absurd wird es aber, wenn Wlazny jetzt wirklich die Freda machen möchte und mit der Plattform einer viel beachteten Präsidentschaftskandidatur seine Partei in den Nationalrat bringen möchte. Denn die Grüne Alternative hatte ja 1986 durchaus Inhalte und es gab ja auch schon 1983 die Kandidaturen von AL und VGÖ. Und vor allem gab es da mehr an Persönlichkeiten als die durchaus umstrittene Spitzenkandidatin.

Die Bierpartei hingegen ist ein Spaßprojekt. Als solche wäre sie sicher erfrischend im Parlament — nur daß das jetzt nimmer geht, weil sie halt nicht mehr durch Marco Pogo repräsentiert wird, sondern durch Doktor Wlazny. Diese Partei würde jetzt weniger bisherige Nichtwähler ansprechen, sondern solche, die von Grünen oder NEOS enttäuscht sind. Das würde auch auf die Kandidatenwahl abfärben und es wäre eine neue Partei im Nationalrat, die zwar einen lustigen Namen hat, aber doch stinknormal ist — democrazy as usual, eine tabula rasa, ein politisches White Board, auf das man alles schreiben kann, aber bitte nichts Unanständiges oder Staatsgefährdendes.

Die Journaillie trägt das ihre dazu bei: Neue Parteien haben immer einen „Charme“, da kann man was berichten, was vielleicht nicht der alte Käse ist. Das hatten wir schon beim LIF, bei den NEOS, sogar beim Stronach und beim Team HC. Jeweils nach Grazer Gemeinderatswahlen auch bei der KPÖ. Wenn diese Wahlalternativen aufpoppen, kommen sie dann in veröffentlichten Meinungsumfragen vor, jetzt aktuell bei der von Puls 24, wo der Bierpartei 10% bei der Sonntagsfrage attestiert werden. Doch zu erwarten ist, daß der Hype in ein paar Monaten wieder verschwunden sein wird.

Ist schon klar, eingedenk der seltenen Möglichkeiten, die wir haben, die Zusammensetzung des Nationalrats mitzubestimmen, und natürlich der Killer-Mindestklausel von 4% hätte ein Wlazny natürlich mehr Chancen in das Gremium einzuziehen als ein Pogo.

Nur: Pseudorebellische Doktoren haben wir schon genug. Eine selbstbewußte Chaotenpartie wäre hingegen innovativ. Aber die gäbe es nur mit Marco Pogo, nicht mit einem Dominik Wlazny.

Bernhard Redl

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