Die Familie, Medienabteilung

Die sogenannten Qualitätsmedien kommen mit den ÖVP-FPÖ-Macheloikes immer mehr in einen Rechtfertigungsstrudel. Und strampeln sich dabei noch weiter hinein.

Das letzte „Im Zentrum“ brachte uns interessante Aussagen von Eva Blimlinger, Mediensprecherin der Grünen im Nationalrat. Neben der Fragestellung, ob die Grünen jetzt lieber naive oder korrupte Idioten sein möchten, war auch eine andere Aussage bemerkenswert. Denn als ORF-Moderatorin Claudia Reiterer den aktuellen APA/OGM-Vertrauensindex präsentierte und dabei auf die miese Quote der Medien hinwies, meinte Blimlinger Folgendes: „Zuerst möchte ich sagen, daß der Index nur für Medien allgemein stimmt. Wenn Sie sich Qualitätsmedien anschauen, dann ist das Vertrauen viel höher. … Da würde ich gern unterscheiden. Bei den minus 31 ist zum Beispiel Fellner drinnen. Wenn man die Qualitätsmedien nimmt, schauts schon ganz anders aus.“

Eine interessante Theorie! Vertrauen wirklich die durchschnittlichen Medienkonsumenten mehr in ORF, „Presse“ oder gar „Kurier“ als in die als Schmuddelkinder angesehenen Fellnermedien, die „Krone“ oder „heute“? Welchen Grund sollten sie dafür haben? Denn momentan geht es ja gerade um die sogenannten Qualitätsmedien (also jenen mit viel Text und großen Redaktionen), die jetzt in Verruf geraten sind.

Qualitätsmedien

Fassen wir mal zusammen: Rainer Nowak wollte ORF-General werden. Das ging nicht, weil Stiftungsratsvorsitzender Steger dagegen war. Der mißtraute Nowak, weil der Zivildiener beim DÖW gewesen sei. Deswegen präferierte Steger einen „korrekten Schwarzen“, der es dann ja auch geworden ist. Jetzt stolperte Nowak über die aktuell bekanntgewordenen FPÖ-Chats. 2021 ist er schon bei der Veröffentlichung von ÖVP-Chats eher ungut vorgekommen, ließ sich damals aber von einem total unabhängigen Rechercheteam aus seiner eigenen Redaktion einen Persilschein ausstellen. Ähnliches hatte er jetzt wieder vor, aber das ging sich für Styria wohl nimmer aus.

Nowak wurde übrigens 2021 vom Branchenblatt „Österreichs Journalist:in“ zum „Medienmanager des Jahres“ gewählt — vor allem deswegen, weil er es war, der damit begonnen hatte, in Österreichs Tagesmedienlandschaft Paywalls einzuführen (die jetzt der Grund sind, warum die Verleger die paywall-lose Konkurrenz von ORF-online und „Wiener Zeitung“ loswerden wollen). 2015 erhielt Nowak vom selben Blatt den Titel „Journalist des Jahres“. Begründung: Er halte die „Fahne des objektiven Journalismus als einer der Letzten hoch“.

Damals wurde auch Hubert Patterer von der „Kleinen Zeitung“ als „Chefredakteur des Jahres“ geehrt. Letzterer streut jetzt seinem zurückgetretenen Konzernkollegen Rosen: Er habe „die Feuerwand nach innen nie preisgegeben“. Und: „Den Triumphalismus der Kollegenschaft zur Linken, ihre moralische Aufwallung, wird er verschmerzen, nicht sofort, aber mit der Zeit.“ Patterer beklagt generell die Entfremdung des Publikums von den Massenmedien. „… der Vorhalt lautet: zu viel Staatsnähe, Komplizenschaft mit der Macht, Teil des Oben“. Laut ihm hätte das begonnen „in der Integrationskrise, wo sich die Medien allzu erzieherisch und konformistisch der Willkommenskultur“ angeschlossen hätten.

ORF-General wollte auch Richard Grasl mit Hilfe der ÖVP werden — 2016 unterlag er aber gegen Wrabetz. Zum Trost wurde er stellvertretender Chefredakteur beim „Kurier“. Jetzt empfahl er auf Twitter einen Kommentar seiner Chefin, die natürlich auch meint, es bräuchte eine „kritische Distanz zwischen Medien und Macht“. Aber ohne Schlenker gegen genau diesen Socialmedia-Kanal gehts bei Martina Salomon natürlich nicht ab: „Unabhängiger Journalismus bedeutet auch nicht, jedes Interview als Schlagabtausch zu inszenieren, um Applaus der Twitterblase zu erheischen. Gift für die Glaubwürdigkeit der Medien ist der in Mode gekommene ‘Haltungsjournalismus’ im Sinne moralischer Selbstüberhöhung und missionarischer Ideologie“.

Auf Twitter empfiehlt übrigens auch Daniel Kosak diesen Artikel — seines Zeichens Pressesprecher des Bundeskanzlers, offensichtlich ohne Distanzproblem.


Salomon ist sich in Haltungsfragen da wohl nicht nur mit Patterer einig, sondern läßt auch ihren Kurier-Kollegen Rudolf Mitlöhner konkreter werden: Der beklagt in der Causa Schrom, daß die ÖVP es verabsäumt habe, im ORF „sachliche Kompetenz und weltanschauliche Haltung“ zu forcieren: „So wie sich unter Lindner kaum etwas an inhaltlicher Ausrichtung geändert hat, wird dies auch unter dem amtierenden ORF-Chef Roland Weißmann eher nicht der Fall sein und wäre das auch unter Rainer Nowak wohl nicht passiert.“ Weil dort „die klare Mehrheit der Journalisten deutlich rot-grün-affin“ sei. Damit sind dann wohl Patterers triumphalistische Kollegen zur Linken gemeint.

Haltungsjournalismus in der Praxis

Themenwechsel — oder nein, es ist doch das selbe Thema: Da war der Aufmacher der „Kleinen“: „Graz drohen Pleite und Neuwahl — Die rot-grün-rote Koalition steht budgetär am Abgrund“ Zur Illustration gibt es ein Photo der aktuellen Koalitionsspitze und einen gezeichneten Pleitegeier, der den Uhrturm im Schnabel hat. Erinnert das jemand an die legendäre Pressestunde von vor einem Jahr, in der Patterer versuchte, Elke Kahr fertigzumachen, um nach einem Shitstorm zerknirscht zugeben zu müssen, daß seine Art zumindest teilweise überzogen war?

Was das mit Haltungsjournalismus zu tun hat? Nun, ein anderer Chefredakteur, einer, der nie ein Hehl aus seiner ÖVP-Nähe gemacht hat, schrieb zu dieser Pleitedrohung Folgendes: „Die Nachricht einer möglichen Zahlungsunfähigkeit von Österreichs zweitgrößter Stadt lässt sich natürlich mit Hinweis auf die hier regierenden Kernöl-Kommunisten ins Lächerliche ziehen. Dass ausgerechnet die KPÖ nun ein schon zuvor windschiefes Budget der steirischen Metropole sanieren muss, kann als Gemeinheit der Geschichte durchgehen.“ Diese Worte stammen von Walter Hämmerle, der nicht mehr allzulang die „Wiener Zeitung“ redigieren darf, weil die Regierung der Meinung ist, dieses staatseigene Blatt wäre obsolet geworden.

So sieht sie also aus, die Medienpolitik in diesem Land, von der Herr Mitlöhner meint, sie sei „eines der Felder, welche das bürgerliche Lager den Linken weitgehend überlassen hat“. Und so sieht die Medienpolitik nicht erst seit heute aus und auch nicht nur erst seit Jahrzehnten. Walter Hämmerle liefert nämlich in einem Interview mit oberwähntem Branchenblatt die Überpointe, was es mit der Zeitung im Staatseigentum auf sich hat: „Was heute gerne vergessen wird: Es war der Staat, der sich dieser Zeitung bemächtigt hat. 1857 wurde die zuvor im Privatbesitz befindliche ‘Wiener Zeitung’ verstaatlicht, weil sie sich 1848 für Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit eingesetzt hat.“

Mario Czerny

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