Die Krankheit ist politisch

Bekenntnisse eines Depressiven und warum die akin nicht erschienen ist.

Von Bernhard Redl.

Aus akin 8/2021 vom 14.April 2021.

„Das Sein bestimmt das Bewußtsein.“ Ist so nicht von Karl Marx. Aber es gibt zumindest Stellen bei Marx, die man in diese kurze Form bringen könnte. Es ist so wie mit vielen Zitaten: Oft genug sind sie komplett falsch, wenn man (wie in diesem Fall) Glück hat, sind sie zumindest ungefähr richtig. Marx sprach nämlich vom „gesellschaftlichen Sein“. Trotzdem gefällt mir die falsch zitierte Kurzform besser. Ja, natürlich, so groß ist der Unterschied gar nicht — fast alles in der Identität eines Menschen hat auch eine gesellschaftliche Komponente. Und doch ist unser Sein eben mehr als nur das Gesellschaftliche und eben ausnahmslos alles an diesem Sein bestimmt unser Bewußtsein mit. Ja, ich gestehe, ich hab in meinem Leben mehr Freud als Marx gelesen — einfach weil der besser schreiben konnte.

Okay, Schluß mit dem Namedropping — das war ja nur, damit dieser Text ein bisserl was Hochgeistig-Allgemeingültiges hat. Weil: Man kann ja keinen Essay über seine persönlichen Probleme schreiben! Genau darum geht es mir aber. Sicher, ich kann jetzt als Ausrede auch gegenüber mir selbst verwenden, daß ich meinen Fall nur pars pro toto nehme. Das stimmt vielleicht sogar, aber trotzdem geht es um mich — und wie dieses Individuum die Welt sieht. Dieser Text ist auch eine Art Erklärung, warum ich die ganze Corona-Sache anders sehe als der Großteil meiner Genossen und wohl auch des p.t. akin-Publikums.

Zurück zum Sein! Keine Panik, jetzt kommt nicht der Heidegger! Viel schlimmer: Mein eigenes Ego! Ich bin Depressionspatient. So richtig von klein auf und unheilbar. Und wütend werdend, wenn der Bundes-Sascha meint, die jetzige Krise sei kein Grund, „depressiv zu werden“. Das ist offensichtlich einer von denen, die in der glücklichen Lage sind, keine Ahnung von Depressionen zu haben. Immerhin kann man für solche Sager dankbar sein, denn da wird man als Betroffener grantig und das holt einen zumindest kurzfristig aus dem Loch. Meine Depressionen sind auch der Grund, warum die akin jetzt nur recht sporadisch erschienen ist — wenn ihr das lesen könnt, heißt das, daß ich die Krankheit oder besser: Behinderung gerade mal wieder einigermassen unter Kontrolle gehabt habe.

Das mit dem Sein, das das Bewußtsein bestimmt, korreliert natürlich auch mit dem Spruch aus der Frauenbewegung, wonach das Private politisch sei — auch hier ist der Zusammenhang zwar ein anderer, aber trotzdem paßt der Spruch hier sehr genau auf das, worum es mir geht. Man kann es auch im Zusammenhang mit den Identity Politics sehen. Im Gegensatz aber zu dieser leicht vertrottelten postmodernen Bobo-Attitüde, die daher kommt als „Ich bin betroffen, also hab ich recht und bin schützenswert und in Watte zu packen“, geht es mir darum, sich bewußt zu werden, daß man eben von einer bestimmten Warte aus denkt und dieses subjektive Denken eben weder sakrosankt noch grundfalsch ist. Ein individueller Ansatz darf nicht entwertet werden wegen seiner Subjektivität aber genausowenig absolut gesetzt werden.

Es geht darum, sich seiner Subjektivität bewußt zu werden — das ist so wie beispielsweise diese unseligen Bildungsdebatten, wo irgendwelche Experten darüber reden, was in den Schulen falsch läuft, aber nicht einer zugeben will, daß sein Standpunkt vor allem geprägt ist von seinen eigenen Kindheitserfahrungen. Diese Experten verstecken sich gerne hinter angeblich total objektiven Studien und haben panische Angst, irgendwer könnte sie wegen ihrer eigenen Subjektivität als unwissenschaftlich agierend brandmarken.

Ecce Homo Sapiens

Wir sind alle Menschen und keine Maschinen. Wir denken und handeln nicht „vernünftig“. Als ich 1992 in Sarajevo war — auf einer eigentlich sinnlosen Aktion namens „Friedensmarsch“, die auch nur stattfand, weil man halt nicht völlig tatenlos beim Krieg vor der eigenen Haustür zusehen wollte –, konnte ich vor allem beobachten, wie unterschiedlich Menschen auf eine Gefahr reagieren. Die ausländischen Journalisten neigten zur Selbstheroisierung, die Bewohner der belagerten Stadt zu Fatalismus oder hedonistischer Trotzigkeit und unser kleiner Trupp Kriegstouristen zu tiefschwarzem Humor. Vernünftig im engeren Sinne war nichts davon, aber es war vernünftig als Überlebensstrategie. Man lernte auch sehr schnell mit der Situation umzugehen: Stand an einer Straßenkreuzung „Pazi Snaiper!“ und warnte einem damit davor, daß man beim Überqueren der Straße in das Zielfernrohr eines Scharfschützen geraten könnte, ging man halt ein bisserl flotter — weil man wußte, daß einem der Schütze dann nicht wirklich gut anvisieren konnte. Es war nicht anders, wie wenn man eine stark befahrene Straße überquerte — daß da einer einem nach dem Leben trachten könnte, blendete man schnell aus. Genauso ist es aber auch in Friedenszeiten eben mit Autofahrern — sehr schnell verdrängt man, daß man in einer Maschine sitzt, die andere, aber auch einen selbst töten kann. Sonst wäre Autoverkehr undenkbar.

Wurde jemals eine Autobahn gesperrt oder der motorisierte Individualverkehr generell eingeschränkt, weil es zuviele Unfallopfer gab? Nein, das tat man nur in den 70ern, weil man mit einer Ölknappheit rechnete. Von den Toten, die Krieg, Imperialismus und Kapitalismus fordern, brauchen wir da gar nicht mal zu reden. Dieses „Sapiens“ hinter „Homo“ ist so gesehen einfach nur ein Witz. Andersrum: Der Mensch ist mehr als seine „Vernunft“, er ist weitaus komplexer, vielleicht aber auch sogar vernünftiger als eine binäre Logik es jemals sein könnte, denn sonst wäre er nicht zur dominierenden Spezies dieses Planeten aufgestiegen.

Corona-Vernunft

Jetzt fragt ihr euch sicher: „So what? Worauf will er hinaus?“ Nun, eigentlich ist es ganz einfach: Wir reagieren alle sowohl auf die Bedrohung durch dieses Virus als auch auf die Bedrohung durch die Maßnahmen. Wir wollen alle wieder zurück zur Normalität. Eine Möglichkeit ist dabei die sogenannte „Corona-Müdigkeit“, eine zutiefst menschliche Reaktion, mit einer Bedrohung so umzugehen, daß man sie ignoriert und ausblendet und verdrängt, weil man nicht ständig in Angst leben kann — und das betrifft sowohl die Angst vor dem Virus als auch die Angst vor staatlicher resp. gesellschaftlicher Repression. Die Alternative zur Ignoranz ist Aggression — auch die können wir tagtäglich auf den Straßen beobachten genauso wie im Internet.

Ja, ich gebe zu, daß mich die Durchhalte-Opern derjenigen, die sich selbst als Vernünftige verstehen, mehr fertigmachen als ein paar Depperte, die glauben, eine Funktechnologie würde ein Virus verbreiten. Das ist einfach so, weil ich mit meiner Behinderung Depression gelernt habe umzugehen und den Winter immer dadurch einigermassen überstehe, weil ich da möglichst viele menschliche Kontakte pflege. Das konnte ich diesmal nicht und deswegen geht es mir Scheiße. Und das Andere, was mich so ungefähr aufrecht hält, ist, einmal im Sommer das Meer sehen zu können. So wie es aussieht, versauen mir die Maßnahmen wohl auch diese Linderung meines Leidens. Dementsprechend sehen meine Texte aus — genauso wie eben die Statements derjenigen ganz anders aussehen, die mit dieser Kasteiungslogik eher leben können, weil ihre persönlichen Lebensumstände und Befindlichkeiten eben anders sind.

Weil eben das Sein doch das Bewußtsein bestimmt. Und das Private politisch ist.

+++

PS: Dieser Text hat sogar ein Making-Of – zu hören auf der Radiofabrik Salzburg in der Reihe Schallmooser Gespräche: https://cba.fro.at/496781

Ein Gedanke zu „Die Krankheit ist politisch

  1. Lieber Bernhard! Danke für den Artikel

    Für die obligatorische Coronadepri braucht es keine Angst, die Einschränkung des sozialen Lebens ist doch ein objektiver Grund für eine Depri, weil der Mensch eben doch ein soziales Wesen ist!

    Für mich fühlte sich der erste Lockdown schon sehr nach Faschismus an und das ist ein guter Grund für die Depri. Wenn mensch nicht in die vorherrschende Gesellschaft reinpasst ist die Depri doch kein Makel!

    Mein 8jähriger Onkel ist wegen der Cornaangstmache gestorben: Nach Sturz ins Spital in Linz, wegen Husten auf Corona untersucht. Test negativ und einfach nach Hause geschickt. 2 Tage später an „normaler“ Lungenentzündung gestorben. Eine Untersuchung mit einem Ultraschallgeräte hätte wohl auch nicht viel Zeit und Geld gekostet, aber es zählt nur Corona …

    Insofern ist auch unser HBP Van der Bellen ein Mittäter, wenn er nur den Opfern vom Virus aber nicht den Opfern der Cornamaßnahmen und der Cornaangstmache gedenkt.

    Insofern mein Tipp: Die Depri in Wut umwandeln! Depressionen sind oft sozusagen eine Folge der Täter-Opfer-Umkehr! Also eine Folge der gesellschaftlichen Gewalt!

    Als Langzeiterwerbsloser gehört das für mich dazu 😉

    Mach es wie die iatropthlogische Front: Mach aus der „Krankheit“ eine Waffe!

    Nur gefühlslose Menschen mit einem sehr eingeschränkten Blick – der „eindiemsionale Mensch“ sozusagen – kennen keine Depri!

    LG

    Martin

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