Streit, Tabu, Verwirrung, Emotion (Archivbeitrag)

Vor mehr als 16 Jahren erschien in der akin ein Beitrag mit dem Titel „Streit, Tabu, Verwirrung, Emotion – Eine Annäherung“. Aus gegebenem Anlaß kommt es hier zur gekürzten Wiederveröffentlichung aus akin Nr. 7/1997:
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Was ist Streit? Wir leben in einer Zeit mit Hang zum Rückzug ins Private. Das private Glück aber erscheint nur durch Harmonie ermöglichbar. Viele meiner Bekannten, die ich fragte, was sie beim Wort „Streit“ assozieren, fielen zuallererst Beziehungsstreitereien ein, und sie setzten fast immer dazu, daß sie diesen vermeiden wollen, vor allem deswegen, weil sie „keine Lust“ dazu haben. Aber auch unter der Prämisse eines politischen Zusammenhangs waren die Reaktionen zumeist eher negativ. Es fielen die Stichwörter: „Aggression“, „Umanandafeun“, „Abreagieren“ und sogar „Intrige“.

Nun ist es aber so, daß Streit — egal, ob „politisch“ oder „privat“ — sich zwar über längere Zeit vermeiden läßt, Konflikte aber dennoch überall anfallen, wo Menschen aufeinandertreffen. Konflikt staut sich ohne das Ventil des Streits auf bis zu dem Punkt, wo der Kessel explodiert, weil sich zuviel aufgehäuft hat und man des Streits mangelnder Übung zu Folge unfähig geworden ist.

Bei meiner Umfrage gab es aber auch ein paar positive Assoziationen. Eine davon kulminierte in der Aussage: „Durchs Streiten kommen d‘ Leut‘ z’am“. Das ist ein wunderbarer Satz. Denn die alte Volksweisheit ist doch, daß durch das „Reden“ die Leute zusammenkommen. In einem fruchtbaren Gespräch hört man sich gegenseitig zu; zur Rede kommt die Widerrede. Wer also redet und nicht im belang- und damit harm- wie hilflosen Smalltalk versumpern will, muß erkennen, daß es kein Reden ohne Streiten gibt. Denn wenn sich alle einig sind, müßte man ja nicht mehr miteinander reden. Aber: Um streiten zu können, müssen die Leute doch erst einmal zusammenkommen. Das heißt, Kommunikation ist erst möglich, wenn man kommunikationswillig ist und damit auch bereit, zu streiten. Rückzug vom Streit bedeutet immer auch Rückzug von der Kommunikation. Und damit kommen wir zu der Tatsache, daß es ein Ausbrechen aus der Einsamkeit des Individuums nur über den Streit geben kann und das eben genau dann nicht möglich ist, wenn man versucht, ihn zu vermeiden.

Ein guter Streit — im Unterschied zu unproduktiver „Streiterei“ — ist der Ausdruck des Kommunikationswillens von Menschen, die eine Meinung ihr eigen nennen. Streit ist etwas, was den Menschen weiterbringt, was den Menschen dazu zwingt, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Somit ist Streit eine Grundbedingung für den Fortschritt in Denken und Wissen. „Dialektik“ heißt das Zauberwort: Wer eine These aufstellt, muß damit rechnen, mit einer Antithese konfrontiert zu werden. Passiert das nämlich nicht, erstarrt die These zur verordneten Wahrheit, zur einfachen, widerspruchsfreien, undiskutierbaren und daher in ihrem Alleinanspruch ganz sicher falschen Behauptungen.

Neulich stieß ich in einer Diskussionsankündigung auf eine hübsche Geschichte. Ein Rabbiner sagte einst: „Es ist gut, wenn es zu einer Sache zwei verschiedene Meinungen gibt“. „Warum?“ fragen erstaunt die Schüler. „Nie hat eine Seite ganz Recht und die andere Seite ganz Unrecht. Solange es beide Meinungen gibt, bleibt die ganze Wahrheit erhalten.“

Es gibt viele Wahrheiten, deren Leugnungen genauso richtig sind wie sie selbst. Falsch werden sie erst dann, wenn man sie der Diskussion entzieht. Denn Wahrheit ist etwas Lebendiges, sie muß durch Analyse, Kritik, Provokation und auch völlige Verwerfung dieser Wahrheit selbst ernährt werden. Gibt es dieses demokratischen Grundnahrungsmittel nicht, dann stirbt der Disput, die Debatte, der Streit. Und damit auch die Wahrheit. Eine tote Wahrheit aber kann wohl nie eine richtige sein.

Zweierlei Arten Tabu

Das alles hat jetzt aber nichts mit Wankelmütigkeit oder nur vagem Weltbild zu tun. Denn wer der Meinung ist, seine Glaubenswahrheiten dadurch retten zu können, daß er sich jede auch nur leiseste Kritik verbittet bzw. sie verbietet, landet in einer Sackgasse. Richtige Erkenntnisse aus einer früher gestellten Problematik können heute schon falsch sein, weil die Welt sich geändert hat. Wenn die Wahrheit sich nicht neuen Umständen anpaßt, seien sie jetzt materieller Natur oder einfach nur Erkenntnisfortschritte, wird das Gedankengebäude hohl. Eine früher logische Argumentation findet heute keinen Grund mehr, um darauf zu fußen. Nur die Erstarrung kann noch ihre Existenz aufrechterhalten. Belastbar ist so eine Wahrheit aber nicht mehr. Sie ist nur mehr Fassade, ein potemkinsches Dorf.

Ich versuche es mit dem Philosophen Gadamer zu sagen, der gemeint hatte, man müße jedem Menschen im Bewußtsein zuhören, er könnte recht haben. Er könnte! Nicht: Er hat. Das heißt: Unser Weltbild soll soweit gefestigt sein, daß es jedem Sturm einer Kampagne widerstehen kann, aber es soll nicht zu erstarrt sein, um einem Argument zugänglich zu sein.

Wobei wir bei der Frage des Tabus wären. Denn die ist nicht zur allgemeinen Befriedigung zu klären. Die Vertreter der Notwendigkeit resp. Berechtigung des Tabus wollen nicht über diese Berechtigung diskutieren, denn auch diese Metaebene wäre bereits ein Kratzen am Tabu, insbesondere dann, wenn man Beispiele ansprechen wollte. Aber trotz dieses Diskussionshemmnisses wäre eine Debatte darüber notwendig. Vielleicht so: Man trennt zwischen einem Denktabu und einem Handlungstabu. Ein Beispiel: Das Tötungstabu als kategorisches Verbot der Tat ist sehr zu begrüßen. Das Nachdenken über so etwas ekelhaftes wie die Todesstrafe muß aber erlaubt sein, sei es auch nur deswegen, um diese eindeutig zu verwerfen. Der Theorie der Tabuisten zu Folge ist das Nachdenken über die Durchführung einer Handlung aber bereits Teil und Vorstufe der Handlung selbst. Das ist durchaus nicht ganz falsch, da der Gedanke notwendig für die geplante Handlung ist. Aber: Wenn über die Sinnhaftigkeit der Durchführung einer Handlung nicht mehr nachgedacht werden darf, verliert sich die Kenntnis der Verwerflichkeit dieser Handlung. Es bleibt das leere Tabu, dessen Argumentation vergessen ist, und das beim leisesten Windhauch der Propaganda zusammenbricht. Im Sturm brechen dann Denk- und Handlungstabu in einem. Ich will ein Bild aus der Immunologie verwenden: Die mangelnde Konfrontation mit dem Krankheitserreger hat dazu geführt, daß nicht rechtzeitig Antikörper gebildet wurden, der Organismus ist somit schutzlos den Angriffen des Gifts ausgeliefert. Wenn wir verlernen, zu argumentieren, weil wir bestimmte Themen mittels Tabu außerhalb der Debatte stellen, wird sich das später fürchterlich rächen.

Meyers Lexikon sagt über das Tabu u.a.: „Bezeichnung für vor allem bei Naturvölkern zu beobachtendes, religiös, magisch oder rituell begründetes und allgemein respektiertes Meidungsgebot oder Verbot, bestimmte Gegenstände oder Personen anzurühren oder zu verletzen, gewisse Handlungen vorzunehmen oder gewisse Namen auszusprechen, um durch übernatürliche Macht bewirktes Unheil zu vermeiden.“ Diese Art von Tabu war durchaus sinnvoll, gewährleistete sie doch eine Ordnung des Zusammenlebens in Gesellschaften, in denen der Zugang zu Bildung ein auf wenige Weise eingeschränkter war. Das Gros der Angehörigen dieser Gesellschaften brauchte einfache Handlungsanleitungen. Allerdings führt die Tabuisierung letztendlich doch immer wieder zu Herrschaftsstabilisierung. Herrschaft, sprich Macht trägt ihren Mißbrauch aber prinzipiell bereits in sich. Die moderne Gesellschaft mit ihren verbesserten Kommunikations- und damit Bildungsmöglichkeiten hingegen müßte auf derlei Praktiken verzichten können. Die Alphabetierungsdichte hat trotz arger Rückschläge (beispielsweise dem Phänomen des sekundären Analphabetismus) in den letzten 100 Jahren enorm zugenommen. Heute kann zumindest in Europa fast jeder Hilfsarbeiter lesen. Es gilt, den Menschen zuzutrauen, selber zu denken. Dazu gehört aber auch der schrittweise Abbau des Tabus.

Frage und Zweifel

Wir leben in einer komplexen Welt. Die Kultur der eindeutigen Antworten hat uns kaum weitergebracht. Immer gibt es ein „aber“, immer gibt es Menschen, die genau das Gegenteil einer einmal als richtig angenommenen Weisheit argumentieren können, und zwar logisch und nicht mit mehr Widersprüchen als in der jeweils eigenen Theorie sind. „Wahrheiten“ sind immer auch in Werteskalen begründet, wobei diese Werte aber kaum einer Diskussion zuführbar sind. Jedoch kann durch eine Diskussion diese Werteskala angesprochen und offengelegt werden. Man kann den anderen dadurch vielleicht nicht überzeugen, aber man lernt ihn verstehen. Man lernt die richtigen Fragen hinter den Widersprüchen kennen.

Überhaupt: Die Frage! Die Frage ist die Antwort! Denn letztendlich gibt es keine richtigen Antworten, sondern nur richtige Fragen. Das Bewußtsein der Frage führt zu Toleranz und der Erkenntnis, daß die eigene Überzeugung niemals der Weisheit letzter Schluß sein kann.

Brecht schreibt: „Lobet den Zweifel, aber nicht den Zweifel, der ein Verzweifeln ist“. Ein Mittelweg zwischen aktivem und kontemplativem Leben ist gefragt: Wir müssen handlungsfähig bleiben und nach vorläufigen Erkenntnissen handeln, aber wir müssen uns der Vorläufigkeit bewußt sein. Unsere eigene Reflexionsfähigkeit gilt es zu schärfen und dazu müssen wir anderen zuhören, weil wir sonst nichts lernen. Wir müssen die Bücher unserer politischen Gegner lesen und dabei die panische Angst davor aufgeben, daß wir unsere Meinung ändern könnten.

Kritische Solidarität und der Applaus von der falschen Seite

Das führt mich zur schon ein bisserl in Vergessenheit geratenen „kritischen Solidarität“. Die gilt es wieder abzustauben: Wenn ich jemanden als Mit-Streiter anerkenne, heißt das noch lange nicht, daß ich ihn nicht kritisieren darf. Dieser Behauptung werden zwar die wenigsten widersprechen (vielleicht noch die letzten Anhänger eines falsch verstandenen „Fraktionenverbots“), wird man dann aber von einem Kampfgenossen kritisiert, neigt man oft dazu, ihn nicht mehr als solchen anzusehen. Bald hält man alles, was er tut, für „feindlich gesinnt“ und will nichts mehr mit ihm zu tun haben und ihm auch nicht in der Not beistehen. Schlußendlich gilt dann die unausgesprochene Parole: „Wenn Du mein Freund sein willst, halte den Mund“.

Selbstverständlich muß man bei jeder Behauptung oder Forderung fragen: Cui bono, wem nützt es? Aber wir erinnern uns an Diskussionen beispielsweise über Themen wie die EU oder „Frauen ins Bundesheer“, wo Linke scheinbar die selben Forderungen aufstellten wie erzreaktionäre Kräfte. Irgendwie schwebte da das Lenin-Wort von den „nützlichen Idioten“ durch den Raum. Aber es gilt eben nicht nur das anzuzweifeln, was unsere besten „Freunde“ für richtig halten, es gilt auch das, was unsere ärgsten „Feinde“ sagen, einer unvoreingenommenen und vor allem unaufgeregten Prüfung zu unterziehen. Oft genug kommen Menschen aus zwei verschiedenen Gründen zur, wenn auch nicht selben, so doch gleichen Forderung. Von einer als richtig angesehenen Forderung Abstand zu nehmen, nur weil der politische „Feind“ sie auch vertritt, hieße aber wohl das Denken oder zumindest die Bedeutung des „Feindes“ höher zu schätzen als sich selbst — auch wenn das in Opponierung seinen Ausdruck findet. Es gilt ein Selbstbewußtsein zu entwickeln, das nicht nur gegen das Buhrufen der „Freunde“, sondern auch gegen den Applaus der „Feinde“ in der Lage ist, die eigene Überzeugung zu behaupten.

Das ist aber auch eine Frage der Akzeptanz. Nur in einem toleranten Klima kann sich ein derartiges Selbstbewußtsein bei vielen Menschen entwickeln. Das heißt: Wenn wir so einen Dissidenten in unseren Reihen beobachten, müssen wir uns im Klaren sein, daß die Tatsache, daß eine Behauptung einer „feindlichen“ Position hilft, noch lange nicht beweist, daß die Aussage auch gemacht wurde, um diesen Zweck zu erfüllen.

Wertvolle Emotion

Wer erkennt, daß er — auch wenn er seiner Meinung zum Durchbruch verhelfen möchte — aus einem Streit etwas lernen kann, diskutiert automatisch anders. Denn wenn man einen anderen niederbrüllt oder versucht, lächerlich zu machen, wird man keine qualitätvolle Antwort bekommen. Der Streitende ist gut beraten, zu versuchen, einem überemotionalen Vis-a-vis — den er sehr wohl auch als Counterpart ansehen kann, aber eben nur AUCH — mit ruhigem Widerspruch antworten, da er nur so hoffen kann, aus der Debatte zu profitieren.

Ein Streit mit persönlichen Untergriffen kann zwei — wenn auch schwer unterscheidbare — Gründe haben: Die Kombatanten können sich nicht leiden und streiten über ein beliebiges Thema, um Beleidigungen rechtfertigen zu können. Oder: Sie verwenden die Beleidigungen — vielleicht auch nur in Form von „pointierten Formulierungen“ — um ihrer Meinung zum Durchbruch zu verhelfen.

Die erste Form ist meist unmäßig, hat aber auch ihre Funktion, nämlich anzuzeigen, daß ein Konflikt vorhanden ist, wenn auch das Gesagte nicht dazu beiträgt, aufzuklären, worin er besteht. Die zweite Form ist zwar nicht das Ideal der Kommunikation, aber durchaus auch funktional: Sie dient oft dazu, Kommunikation zu provozieren, wo mit ruhigem Vortrag keine Reaktion mehr zu erwarten ist. D.h. die Beleidigung dient mitunter als Protest gegen den Mangel an Kommunikation, ist also nicht immer als Mundtotmachen des Angegriffenen zu verstehen, sondern sollte auch als Protest gegen eine Kommunikationsverweigerung interpretiert werden. Der Streit muß ja nachher nicht unbedingt zur Auflösung des Widerspruchs führen. Es geht zuallererst darum, den anderen anzuhören, seine Argumente kennenzulernen, vielleicht seine Position verstehen zu lernen, ohne sie deshalb zu übernehmen.

Als Streitauslöser ist die Emotion auch sehr wertvoll. Sie macht den Unterschied aus zwischen „Streit“ und trockener „Diskussion“. Natürlich gibt es nicht wirklich eine Diskussion ohne emotionale Beteiligung oder auch Eitelkeit. Selbst der sich elitär-nüchtern gebende wissenschaftliche Disput kommt zumeist nicht ohne Aufregung aus. Aber das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Erst der Spaß am Streiten macht die Auseinandersetzung. Lust an der Provokation, Freude an kontroversieller — sprich: verdichteter Kommunikation — gehört zu den Grundvoraussetzungen eines wirklichen Meinungsaustausches.

Dabei gilt es auch Respekt, vor der Emotion des anderen zu zeigen. Wer emotional ist, zeigt damit in erster Linie, daß er sein Via-a-vis ernst nimmt. Das heißt zwar nicht, daß er es verstanden hat oder es auch nur verstehen will, aber daß er doch der Meinung ist, reagieren zu müssen. Auch die wüsteste Beschimpfung ist somit weniger Beleidigung als das Schweigen. Dieses bedeutet nämlich Verweigerung der Kommunikation resp. daß dem Angegriffenen die Auseinandersetzung mit dem Angreifer als nicht notwendig oder lohnend erscheint.

Wenn nach dem Streit dann also das befreiende Gefühl eintritt, dieser Auseinandersetzung nicht aus dem Weg gegangen und auch ernstgenommen worden zu sein, erleichtert sich natürlich die weitere Kommunikation mit dem Widerpart. Zerstritten zu sein heißt hingegen nicht, zuviel gestritten zu haben, sondern des Streits nicht mehr fähig zu sein, es heißt den Streit als Form der Kommunikation nicht begriffen zu haben.

Das Risiko des Irrtums

Streit und Kommunikation bedürfen frohen Mutes. Mut zum Fehler beispielsweise. Wer nichts macht, macht auch keine Fehler. Das Nichts ist perfekt. Aber gerade diese Agonie ist auch ein Fehler. Denn nur wer Mut zum oder sogar Freude am Abwegigen hat, hat auch eine Chance, etwas Neues zu finden. In einem frühen Comicstrip des Duos Goscinny/Uderzo kommt ein alter weiser Indianer vor, über den es heißt: „Alles was er sagt, ist richtig. Nichts was er sagt ist falsch. Nur leider sagt er halt nie irgendetwas.“  Oder anders formuliert: Es ist nicht schwer, ein Philosoph zu bleiben, wenn man immer schweigt. Daher ist natürlich auch der Mut zur Ratlosigkeit gefragt. Nur weil man keine Lösung hat, heißt das noch lange nicht, daß man den Mund halten soll. Bevor man zur Lösung schreiten kann, muß ein Problem erst als solches erkannt werden. Es ist sicher für eine Diskussion sehr viel hilfreicher, eine Frage verständlich zu formulieren, als eine unausgegorene, allzu einfache Antwort zu präsentieren.

Streit ist Verwirrung. Wer die Verhältnisse zum Tanzen bringen will, muß das erst einmal mit Begriffen und Dogmen tun. Wer handeln will, braucht Ordnung im Denken. Verwirrung kann daher sehr unangenehm sein, nötigt sich doch ein neuerliches Ordnen auf. Aber erst durch die Verwirrung kann eine überholte oder von vornherein falsche Ordnung als solche erkannt werden. Obzwar natürlich klar ist, daß „falsch“ und „überholt“ subjektive Begriffe sind, sind sie doch nicht verzichtbar, solange das wahrhaft objektive Denken nicht erfunden ist. Im Gegenteil: Diese Verwirrung kann uns auch immer wieder zur Besinnung bringen, daß das Denken eben prinzipiell subjektiv ist. Erst der Streit kann uns somit zur Toleranz, sprich: zum Respekt gegenüber den Ansichten des anderen bringen.

Der Frankfurter Politologe Iring Fetscher schrieb Anfang der 80er Jahre „Verwirrspiele“: Er baut darin sehr abstrus erscheinende, aber in sich logische Gedankengebäude auf. Oder er schafft vollkommen unerwartete Verknüpfungen, in denen er beispielsweise die Mehrwerttheorie an Hand des Märchens von den Heinzelmännchen erklärt. Der Leser folgt seinen Spuren, greift sich an den Kopf, lacht und versucht draufzukommen, wo der Fehler in dieser Logik respektive wo der Hund in den Ausgangsannahmen zu suchen ist. Er wird neugierig und er muß sich mit seinen eigenen Überzeugungen unter dem Eindruck der Logik der ihm präsentierten Geschichte auseinandersetzen. Fetscher nennt das nicht umsonst Verwirrspiele. Denn es ist ein spielerischer, ein lustvoller Umgang mit der Verwirrung. Während man den Ausgang sucht aus dieser logischen Abstrusität, lernt man spielerisch, Dinge in Frage zu stellen, ohne daß der Verursacher der Verwirrung genau vorausbestimmen kann, was der Umherirrende aus seiner Odyssee lernt. Verwirrung bedeutet also auch immer selbstbestimmtes Lernen.

Öffentlicher Streit

Natürlich gibt es den öffentlichen Streit, der lediglich der Propagierung der eigenen Meinung dient. Das ist dann aber kein Gedankenaustausch mehr, sondern nur abwechselnde Agitation, in der es oft genug (beispielsweise bei Wahlkämpfen) nicht mehr darum geht, WAS richtig ist, sondern WER recht hat. Dennoch stimmt auch hier die Forderung nach der kommunikativen und nicht agitatorischen Herangehensweise. Denn wer nicht auf die Argumentation des anderen eingeht, wird sich zwar den Applaus seiner Anhänger sichern, aber er wird niemanden überzeugen, der nicht schon vorher seiner Meinung war.

Aber ein gutes Beispiel für produktiven öffentlichen Streit wie auch für die große Verwirrung liefert uns der „Club 2“. Bevor er zuerst in seiner Sendezeit beschnitten und dann endgültig abgedreht wurde, war er der regelmäßige Auslöser kontroversieller Debatten. Da war ein Moderator, ein bunter Haufen von zumeist alles andere als emotionslosen Diskutanten, die die widersprüchlichsten Meinungen hatten, und der Diskussionsrahmen open end. Nicht selten waren diese Livesendungen 5 oder 6 Stunden lang, zuhause vor dem Fernseher fingen Familien noch während der Sendung zu diskutieren an und am nächsten Tag im Büro debattierten mit etwas „faden Aug“ die Leute weiter. Kontroversielle Themen wurden damit in einer sonst sehr selten vorkommenden Breite aber eben auch Tiefe behandelt.

Im Anfang war das Wort

Wir haben ein Harmoniebedürfnis, das der Ausbildung einer Streitkultur zuwiderläuft und diese verunmöglicht, obwohl wir wisen, daß der Streit notwendig wäre. „Ein Wort gibt das andere“ sagt man, wenn man den Beginn eines Streits charakterisieren will. Und auch wenn die Heilige Schrift der Christen nicht meine Bibel ist, so findet sich darin wenigstens diesbezüglich ein wunderschönes Zitat im Johannesevangelium: „Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.“ Was wohl heißen soll, daß das Schweigen uns nur finstere Zeiten bringen kann.

Bernhard Redl

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