Erniedrigte und Beleidigte – die „sozial Schwachen“

Jetzt halt ich es nicht mehr aus… Ich weiss eh, ich renn wie Don Quijote gegen Windmühlenflügel an, aber ich kann es einfach nicht mehr hören: die „SOZIAL SCHWACHEN“ – das sind angeblich die Menschen mit einem geringen Einkommen. Wie bitte?

Sozial schwach ist meiner – und nicht nur meiner – Meinung und meinem Sprachverständnis nach ein Mensch, der nicht teilen kann, der nicht helfen kann, kurz einer, der sich nicht sozial verhalten kann, auf keinen Fall aber ein Mensch, der wenig Geld hat.

So wie die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Bezeichnung die Realität ins Gegenteil verkehrt, macht dieser Sprachgebrauch die Menschen, die mangels Geld nicht ins Kasino gehen können oder sich keinen Pelzmantel leisten können, zu gewissenlosen Asozialen, während offensichtlich die KasinogeherInnen und Bepelzten so SOZIAL STARK sind, dass sie ihren Reichtum teilen und helfen, wo sie können. Oder doch nicht?

Wenn ich diese Kritik irgendwo anbringe, dann sagen alle „ja, is eh wahr“ und reden weiter von den sozial Schwachen, weil sie das so gewöhnt sind. Komisch – bei „Neger“ hats funktioniert, bei „Zigeuner“ hats funktioniert, wir gendern unsere Texte meistens brav, wieso funktioniert es bei „sozial schwach“ nicht? Könnte es sein, dass die, die den Ausdruck verwenden, sich nicht der Beileidigung bewusst sind, die drin steckt, sondern meinen, es handle sich um einen Ausdruck, der ersonnen wurde, um nicht von Armut sprechen zu müssen? Stimmt auch, „arm“ sagt „man“ nicht, ebenso wie „alt“. Aber kein Mensch ohne Geld bezeichnet sich selbst als „Sozial schwach“, offensichtlich ist diesen Menschen das Beleidigende des Ausdrucks schon irgendwie klar.

Wenn Ihr also in Zukunft von Menschen mit (zu) geringem Einkommen sprecht, dann sagt das auch so, und beleidigt sie nicht noch zusätzlich zu der Erniedrigung, die sie durch den Mangel an Geld ohnehin schon in vielerlei Hinsicht erleben müssen. Und weist auch die, die einfach noch nicht nachgedacht haben, darauf hin, dass das einfach nicht geht.

Ilse Grusch

*

Obiger Text erscheint in der heutigen Druck-Ausgabe der akin, in der es diesmal verstärkt um Sozialpolitik geht: Um die Verschärfung der Wiener Mindestsicherung, die Verschlimmerungen bei Leistungsstreichungen am AMS und das langsame Abgleiten eines früheren Sozialstaates in einen Repressionsstaat.

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