VERWORTET: Der Hass!

Über ein Gefühl mit Imageproblemen

Hass! Nichts kann man so schön mit einem Rufzeichen schreiben. Und wenn ich meinerseits auch etwas hasse, dann ist das die „neue deutsche Rechtschreibung“. Aber beim Wort „Hass“ mache ich eine Ausnahme. Da paßt das Doppel-S einfach besser als dieses doch etwas maniriert wirkende scharfe ß.

Denn Hass ist vielleicht das heftigste, stärkste aller Gefühle, sicher aber das saftigste. Wenn man im politischen Zusammenhang — und davon handelt dieser Text primär — von „Hass“ spricht, kommt man schnell auf das Thema Nazis. Man denke an das „Unsern Hass, den könnt ihr haben“ als Leitspruch einer Antifa-Demo von vor ein paar Jahren. Die Doppeldeutig wurde da recht klar: Die, die man als Faschisten ansieht, sind die „Hasser“. Und die zu hassen, erscheint daher als legitim. Deswegen kann die Jung-Linke auch nicht so gut gegen den Kapitalismus mobilisieren als gegen vermeintliche oder wirkliche Faschisten: Der Hass auf die Faschisten fühlt sich einfach so verdammt gut an.

Ist der Hass also ein „gutes“ Gefühl? Gibt es einen „guten Hass“?

Das ist so eine Sache mit dem Hass. Man denke an die „Zwei-Minuten-Hass-Sendung“ aus Orwells „1984“. Hier wird ein kollektiver Hass inszeniert, der ein einges Volk gegen ein Feindbild zusammenschmieden soll. Doch es ist ein Vexierbild: Legitimiert wird der Hass mit dem angeblichen Hass der Teufelsfigur „Emmanuel Goldstein“ auf die Führerfigur des „Großen Bruders“ und damit natürlich auch auf „das Volk“.

Nur ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Natürlich ist dieser als Mittel zur Gemeinschaftsbildung sehr beliebt bei den Herren dieser Welt. Umgekehrt kann aber auch die Vermeidung oder Unterdrückung des Hasses Teil eines Herrschaftsmodells sein: Alle haben einander zu lieben — trotz vorhandener Interessenskonflikte und vor allem Hierarchiegefälle. Ein paradiesischer Zustand ist ersehnt — siehe Adam und Eva! Da dieses Paar vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, beginnt es zu erkennen und vor allem zu hinterfragen: Wer bin ich, was will ich, wer hindert mich? Und: Wer herrscht? Daß da der biblische Gott zornig wurde und sie aus dem Paradies vertrieb, ist nur zu verständlich! Skeptische Untertanen kann kein Herrscher brauchen.

Postmodernes Herrschaftsmodell

Will man sich einem politischen Begriff nähern, ist Google eine gute Wahl; nicht um sich über den Begriff im eigentlichen Sinne zu informieren, sondern um sich ein Bild zu machen, in welchen Kontext der common sense den Begriff sieht. Im Falle des Suchbegriffs „Hass“ kommt natürlich zuerst einmal der Wikipedia-Eintrag, gleich dahinter aber eine Seite mit dem Titel „Hass — das Schädlichste aller Gefühle“. Der Beitrag entpuppt sich als idealistisches postmodernes Lebenshilfegesülze und natürlich mit einem dieser unvermeidlichen Gandhi-Zitate garniert: „Wo Liebe wächst, gedeiht Leben. Wo Haß aufkommt, droht Untergang.“ Ich habe keine Ahnung ob dieses Zitat korrekt ist, Gandhi ist ja (knapp gefolgt von Albert Einstein) Spitzenreiter im Ranking der erfundenen Zitate. Aber eins ist sicher: Hätten Gandhi und seine Anhänger nicht irgendwann angefangen, vielleicht nicht die Briten als Volk, so doch die britische Kolonialherrschaft abgrundtief zu hassen, stünde Indien heute noch unter der Patronanz der Krone.

Ein schönes Beispiel, wie Völkerhass als Herrschaftsmittel genutzt wurde — nämlich als Vorwurf eines solchen Hasses — stammt aus einer Zeit, in der Nationalismus noch nicht einmal ein Protestgedanke war, geschweige denn ein Herrschaftstopos. Im 15.Jahrhundert erhoben sich die tschechischen Bauern gegen ihre deutschen Herren — das waren die Hussiten, die Anhänger von Jan Huß, den man heutzutage wohl als Befreiungstheologen ansehen würde. Die Gefahr für die deutsche Herren war evident, denn die Erhebung griff langsam auch auf deutsche Bauern über, die sich gegen ihre Lehnsherren erhoben. Worauf die deutschen Fürsten einen Propagandafeldzug starteten, in dem sie unter deutschen Bauern verbreiteten, die Hussiten würden alles hassen, was deutsch ist. Der tatsächliche Klassenkampf wurde in einen Völkerhass umgelogen. Dabei nutzten sie auch die sprachliche Nähe des Namens „Huß“ zu „Hass“ und „Hetze“. Diese Desinformationskampagne war so effektiv, daß das Wort „aufhussen“ als Synonym für „aufhetzen“ Einzug in den deutschen Sprachgebrauch hielt.

Die etymologische Verwandschaft zwischen „Hass“ und „Hetze“ erscheint bis heute nicht ganz geklärt — die Wortursprünge dürften unterschiedlich sein, doch eine gegenseitige Beeinflußung in der Entwicklung hat es sicher gegeben, man denke nur an die „Hatz“ oder die „Hetz“ oder das englische „hate“. Augenfällig ist, daß der Begriff für einen gesellschaftlich schädlichen Einfluß früher vor allem „Hetze“ oder „Verhetzung“ war — wobei das defintiv eine Handlung beschreibt. Heute ist da viel eher von „Hass“ die Rede — das ist aber ein Gefühl, das hier pönalisiert werden soll.

Ein Gefühl kann man aber nicht verbieten. Man kann dazu auffordern, es zu reflektieren und man kann daraus resultierende Taten mit Strafen sanktionieren. Aber man kann nicht per Gesetz oder sozialer Kontrolle „Liebe deinen Nächsten“ verordnen. Das ist ein Oktroy der Konfliktscheuheit — das auf lange Sicht nicht funktionieren kann.

Verbieten ist einfach

Was helfen kann, Konflikte zu lösen, ist Mediation. Aber die ist — soll sie effektiv sein — erstens nicht verordenbar und zweitens unheimlich anstrengend. Und: Sie kann substanzielle Interessenskonflikte nicht einfach ausblenden, sonst bleibt es bei einer oberflächlichen Gesundbeterei. Hass ist nicht einfach ein Vorurteilsprodukt, sondern resultiert vor allem aus realen Defiziten und Verlusten. Genau deswegen ist es aber auch als revolutionäres Movens relevant — was wohl der Grund ist, daß Herrschaft dazu tendiert, Hassäußerungen entweder zu unterbinden oder auf ein genehmes Ziel umzulenken.

Wenn der Hass generell verpönt ist, wird der Hass auf die Obrigkeit, auf die Oberklasse gleich mit entsorgt. So ist es kein Wunder, daß ein Teil der heutigen sogenannten Linken von „Klassismus“ redet und damit den Klassenhass von oben meint, der bekämpft werden müsse — so, als wäre das ein Vorurteil der Oberschicht und nicht einfach Teil ihrer Machtausübung. Die Forderung lautet: Die Herrschaft soll netter sein und weniger präpotent. Deren Existenzberechtigung aber wird nicht mehr diskutiert und der legitime Klassenhass von unten gegen oben damit auch gleich delegitimiert.

Es ist auch sicher kein Zufall, daß gerade der Emotions-Begriff „Hass“ den Handlungsbegriff „Hetze“ abgelöst hat — die postmoderne Sichtweise, das seelische Innere zu betrachten anstatt das materielle Äußere hat da wohl zugeschlagen. Scheinbar im Widerspruch steht dazu, daß immer noch von der Äußerlichkeit auf die Innerlichkeit geschlossen wird. „Hass macht häßlich“ sagt der Volksmund — und das ist sehr wohl heute wieder häufiger zu hören. Diese Volksetymologie spiegelt sich in der wissenschaftlichen Etymologie wieder. Dem Standardwerk „Kluge“ kann man entnehmen, daß „häßlich“ früher einfach ein Synonym für „Gehässigkeit“ oder auch „Hass eregend“ war, erst später aber zum Gegenteil von „Schönheit“ wurde. Das Empfinden von optisch attraktiven und das von liebenswerten Zeitgenossen nähern sich damit an und werden beinahe in eins gesetzt. Der Protest dagegen ist „häßlich“. Nicht umsonst sind rebellische Jugendbewegungen, allen voran natürlich der Punk, stark geprägt von optischen und akustischen Signalen, die ein Spießertum als „häßlich“ ansehen muß.

Nochmal alttestamentarisch: Gleich hinter den Anweisungen, wie man seine Kniefälle vor IHM korrekt auszuführen hat, steht in den Zehn Geboten: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Nun sind die Eltern aber in jedes Menschen Leben die allerersten Obrigkeiten. Diese zu hassen ist verboten und damit auch der Generationenkonflikt. Das erschien ein notwendiges Gebot in einer archaischen Gesellschaft, wo es als notwendig erachtet wurde, der „alten Väter Sitte“ zu tradieren, damit die Kinder genauso funktionieren wie ihre Ahnen. Damit wird aber jeder Fortschritt gebannt — egal, ob gesellschaftlicher oder technologischer Natur. Eine sich als modern verstehende Gesellschaft braucht aber den Generationenkonflikt, die Empörung, den Zweifel, den Protest, um sich fortzuentwickeln. Und wenn die Beharrlichkeit des Bestehenden zu extrem ist, braucht es eben richtig weißglühenden, blanken Hass, um überhaupt irgendetwas weiterzubringen.

Wovon reden wir eigentlich?

Unter Hass wird derzeit alles Mögliche subsummiert: Von echten Gewalttaten über Drohpostings in den Sozialen Netzen bis hin zu legitimer Religionskritik oder Satire. Der Begriff wird für alles verwendet, was konflikthafte Auseinandersetzung ist. Und mit dieser Punze wird auch gleichzeitig jede dieser Formen als der Succus des „Bösen“ schlechthin angesehen. Eine klassische Abspaltung findet hier statt: Der Hass, das ist das Böse, das, was man früher im Teufel, im Satan personifizierte, der gefallene Engel, der nach den jeweils geltenden Schönheitsidealen auch häßlich dargestellt wurde. Doch Satan ist auch Lucifer, der „Lichtbringer“ und damit der Engel der Erkenntnis, der Auseinandersetzung und des Fortschritts. Er ist „der Geist, der stets verneint“, also der Schutzpatron des Widerspruchs. Wenn man also Hass als solchen global ablehnt, dann stellt man sich selbst auf die Seite des „Guten und Schönen“ und kann die eigenen dunklen Seiten nicht nur abspalten, sondern auch die eigenen Taten, so widerwärtig sie auch sein mögen, als gut und richtig verstehen.

Nachdem das ein Massenphänomen ist, ist es kein Wunder, daß Politiker aller Coleur Gesetze gegen den Hass fordern — unter dem Beifall nicht nur des Boulevard. Es sind weltweit schon eine Menge an solchen Gesetzen beschlossen worden; daß es nicht mehr sind, liegt daran, daß man sich dabei konkret darauf einigen muß, was man unter Haß eigentlich versteht und man Presseaussendungen nicht so ohne weiteres in legistisch saubere Paragraphen gießen kann. Was dann beschlossen wird, sind oft Placebos oder Gummiparagraphen: Der österreichische „Haßpredigerparagraph“ (282a StGB) stellt den Aufruf zu „terroristischen Straftaten“ unter Strafe — das war zwar schon vorher nach §282 in gleichem Ausmaß strafbedroht, aber man kann es als Aktivität „gegen den Hass“ verkaufen. In Deutschland hat sich die Große Koalition gerade (kurz vor den dortigen Neuwahlen) auf ein Gesetz gegen „Hass im Netz“ geeinigt — auch hier die Botschaft: ‚Wir tun etwas dagegen!‘ Conclusio dieses Paragraphen (laut AFP): „Das Gesetz nimmt Internetkonzerne wie Facebook in die Pflicht, rechtswidrige Inhalte schneller zu löschen.“ Eine ähnliche Wirkung hat hierzulande ein von den Grünen erwirktes OLG-Urteil. Offensichtlich reagieren die Social-Media-Anbieter schon auf die möglichen Klagsdrohungen: Mit automatischen Routinen, die nach Stichwörtern suchen und mit Usersperren reagieren — allen voran Twitter, wo in den letzten Wochen User kommentarlos gesperrt wurden, was nicht nur rechtsextreme sondern auch linke Poster betrifft. Begründungen gibt Twitter dafür keine und reagiert auch nicht auf Proteste. Genau das war zu befürchten: Politische Auseinandersetzung wird vollkommen willkürlich pönalisiert.

Mut zur Veränderung

Eine starke, selbstbewußte und wirklich demokratische Gesellschaft hingegen müßte Hass (und damit dessen Äußerungen) nicht nur aushalten, sondern diese Energie ohne Angst vor Veränderung zum Produktiven, zum Fortschritt nutzen. Bei Gesellschaften hingegen, die als das größte Übel den Hass ansehen, muß man vermuten, daß deren Ordnungsstrukturen auf Ängsten basieren.

Grundlosen Hass gibt es nicht gibt es nicht. Gerade wenn er in gesellschaftlichen Fragen zum Ausdruck kommt, ist er Indikator für eine Widerspruch, dem man Beachtung schenken sollte. Vielleicht ist es nicht immer jener Widerspruch, der in diesen Hassreden zum Ausdruck gemacht wird, dennoch muß klar sein: Hier stimmt etwas grundsätzlich nicht.

Und wirklich ist Hass eines der wichtigsten Politvokabel der letzten Jahre. Nur leider wird er als der Teufel verstanden, nicht als der Lichtbringer. Weil das ja so schön zu der wunderbaren postmodernen Betroffenheitslyrik paßt. Du darfst nicht hassen lautet das Gebot. Oder ‚Ich bin ja so betroffen über den Hass. Wo kommt bloß all dieser Hass her?‘

Der einzige erlaubte Hass ist eben der Hass auf die Hasser. Nur mit den Hassern ist es so wie mit vielen Dingen im Leben: Das sind immer die anderen.

Bernhard Redl

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Ein Gedanke zu „VERWORTET: Der Hass!

  1. Tja,lieber Bernhard Redl,kannst du dich noch an die Diskussion
    über Kinderpornografie im Internet und Gesetze,diese zu verbieten,
    erinnern? Zensur und Verbote können sich sehr leicht“selbständig“
    machen,und ich werde,auch im Zusammenhang mit dem chinesischen
    Regimekritiker und Friedensnobelpreisträger,der grad gestorben
    ist,niemals vergessen,wie einmal ein Chinese,Mitglied des
    PEN-Clubs und in Schweden lebend,bei einer Jahrestagung
    von Amnesty Österreich ausführlich die Auswirkungen von
    internet-Zensur in seinem Land darstellte.

    Was also ist Hass? Personen übers Internet oder auch über
    Facebook“fertigzumachen“,zu mobben? Oder zu Gewalttaten
    aufzurufen? Denn z.B.zu den Aktivitäten des Schwarzen Blocks
    grad erst in Hamburg ist gewiss auch in den“sozialen Medien“
    aufgerufen worden -incl.der Zerstörung und Plünderung z.B.
    von Geschäften – in solchen Hamburger Stadtteilen,in denen
    es überhaupt Geschäfte gibt. Denn dort,wo tatsächlich die
    Hamburger mit dem(extrem)höchsten Einkommen leben,
    in Eppendorf,Harvestehude etc.,in all den Nobelvierteln westlich
    der Aussenalster,da gibt`s überhaupt keine Geschäfte und
    auch keine Supermärkte – weil sich die Leute dort alles in
    ihre Villen liefern lassen!

    Also trifft in einem solchen Fall der Hass in Form von Zerstörung
    eben keine „Kapitalisten“!

    Wie also kann man Menschen vor Mobbing und Hass-und Gewalt-
    aufrugen gegen sie,Kinder vor Kinderpornografie etc.schützen,
    ohne die labilen Menschenrechte in Gefahr zu bringen?

    Eine einfache Antwort darauf gibt`s bestimmt nicht,aber es ist
    stets wichtig,sich damit auseinanderzusetzen!!!

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