Wissenschaftskritik statt Kritik an Profitinteressen?

Der Text „Die Moderne ist zurück“ von B. Redl in akin 22/2021 erschien auch als Gastkommentar auf der Facebookseite der Wiener KPÖ. Darauf repliziert hier KPÖ-Aktivistin Judith Wieser.

In den letzten ‚Left Comments‘ wurde Kritik an mangelnder Wissenschaftskritik geübt. Ich möchte nicht im Einzelnen auf diesen Gastkommentar eingehen, da dabei aber zu vieles rigoros in einen Topf geworfen wurde, möchte ich ein paar Dinge einordnen, denn „Unwissenschaftlichkeit“ lässt sich nicht legitimieren, in dem man Lobby- und Einzelinteressen, nur weil sie mediale Verbreitung und politischen Boden finden und fanden, mit tatsächlichem wissenschaftlichen Konsens vermengt und einmal gut durchschüttelt.
Wissenschaftskritik in dem Sinne, der sich in den Jahren der Covid-Pandemie besonders deutlich herauskristallisiert hat, braucht es sicherlich nicht.

Diese „Kritik“ besteht zum größten Teil aus Verdrehungen und Verzerrungen, in ungenaue oder gar falsche Begriffe verpackt.

Warum das zu einem kleineren Flächenbrand wurde – gerade im deutschsprachigen, europäischen Raum – liegt vermutlich daran, dass bisher weniger sichtbare „alternativmedizinische“ Communities durch Ärzte und (ehemalige) Wissenschaftler befeuert wurden, die teils bereits einschlägig bekannt waren und eine unübersehbare Profitgier an den Tag gelegt haben (Bücherverkauf, neue Patientinnen für abstruse, teure Behandlungen, Attestverkauf, bis hin zu öffentlichen Aufträgen – siehe die minderwertigen Tiroler PCR-Testbusse eines Arztes, der angeklagt ist, Krebspatienten mit wirkungsloser „Medikation“ behandelt zu haben). Dass dieser Boden derart „fruchtbar“ war, liegt an der jahrzehntelangen falschen Toleranz von Politik und Medizin „alternativen Heilmethoden“ gegenüber. So konnten Ärztinnen anerkannte homöopathische (u. dgl. mehr) Fortbildungspunkte sammeln, medizinische Anstalten verpassten sich Granderwasser-Brunnen und gar nicht so neue „Neuerungen“ wie Gentechnik wurden nie ausreichend begrifflich erklärt (so ist z.B. jede Pflanzenkreuzung, die etwa Früchte kernlos macht, oder Salat länger frisch hält, Gentechnik).

Natürlich ist auch das kapitalistischem Profitstreben geschuldet: Ärztinnen können teure, private Homöopathie-Sprechstunden abhalten (geschützt von der Ärztekammer), mit Politikern befreundete Unternehmen können Wasser weltweit zu „Wunder“-Preisen verkaufen, Apotheken machen (geschützt von der Apothekerkammer) mit dieser Art Placebos riesen Umsätze. Und nicht zuletzt entstanden nicht nur neue, profitable Konzerne, sondern auch bereits etablierte konnten ihre Gewinne mit dem Verkauf von unwirksamen Lifestyle-Präparaten steigern. Sogar die WKO darf sich über mehr zahlende Mitglieder freuen, seit sie Gewerbescheine für Mensch- und Tierenergetikerinnen u. dgl. vergibt.

Wer also über Jahrzehnte wissenschaftlich widerlegte Praktiken fördert, darf sich nicht wundern, dass sich ein beachtlicher Teil der Bevölkerung diesen zuwendet und darin tatsächlich eine legitimierte Alternative zur Wissenschaft sieht, die an einem Punkt, wie etwa einer Pandemie, zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem werden kann (einem zusätzlichen – die neoliberale Logik in den politischen Handlungen auszuführen, würde diesen Rahmen sprengen).

Die Pharmaindustrie gehört nicht zu „den Guten“

Ja, die Pharmakonzerne sind um nichts „menschlicher“ oder ethischer als andere Großkonzerne. Sie profitieren von der öffentlich finanzierten Grundlagenforschung an Universitäten (wie in anderen Bereichen z.B. auch Mark Zuckerberg u. Bill Gates mit ihren Firmen) und verdienen mit der Weiterentwicklung und 10 Jahre lang geschützten Patenten Milliarden.

Wären die Patente für Covid-Impfstoffe, wie vielfach gefordert, frei gegeben worden und lokale Produktionen gefördert, wäre die Pandemie weltweit kein so großes Übel mehr. Die Eigentümer von Biontech werden wie Helden gefeiert und streifen dabei rücksichtslos Milliarden ein – auf Kosten von Menschenleben.

An der Behandlung seltener Krankheiten wird zu wenig geforscht – gibt es doch Medikamente, sind sie nicht nur teuer, sondern werden oft nicht von den Krankenversicherungen bezahlt.
Gäbe es wohl eine Behandlung von HIV, hätte sich das Virus nicht in sämtlichen „westlichen“ Gesellschaftsschichten verbreitet?

Wie kann es sein, dass in den USA finanziell benachteiligte Menschen (und da reden wir bei weitem nicht ausschließlich von Wohnungslosen) an Diabetes sterben?

Warum wurden die Laborreferenzwerte für Glukose und Cholesterine im Laufe der Zeit immer weiter heruntergesetzt – ohne wissenschaftlichen Konsens? (Spoiler: Weil die Medikamente dagegen keinen Schaden anrichten und es „eh nichts macht“, die an ein paar zig Millionen Menschen mehr zu verscherbeln).

Dass auch die Gesundheit der Menschheit der kapitalistischen Ordnung unterworfen ist, wirkt besonders bitter – wenn man vergisst, dass das beim Leben an sich (durch bewusst zugelassenes Verhungern und Tote in Ressourcenabbau und -kriegen) ohnehin gang und gäbe ist.

Wollen uns die Pharmafirmen vergiften? Nein, natürlich nicht – das wär ja schön blöd.
Verkaufen die uns wirkungsloses Zeug? Ja, zum Teil (siehe das Geschäft mit überteuertem Zucker). Spoiler: Die Covid-Impfung gehört nicht dazu – sie ist derzeit eines der am besten erforschten Medikamente weltweit.

Und genau dafür gibt es „die“ Wissenschaft, die weltweit forscht und untersucht und solange versucht, sich gegenseitig zu widerlegen, bis nichts mehr zu klären übrig bleibt und ein evidenter wissenschaftlicher Konsens entsteht. (Erstmals breitflächig in diesen Prozess Einblick zu bekommen, war in den letzten beiden Jahren verständlicherweise irritierend.)

Nützt es etwas, die Pharmafirmen zu boykottieren? Nein – nicht, wenn man seinem Einsatz gegen die Profitgier kein vorzeitiges (Lebens-)Ende bereiten will.

Muss man „die“ Wissenschaft kritisieren? Nein. Pharmazeutische Entwicklung ist nur ein Teil, in dem Wissenschaftlerinnen beschäftigt sind. Gentechnische Wissenschaft ist in vielen Bereichen ein Segen und sehr oft zu Unrecht verteufelt – sowohl in der Landwirtschaft, wie in der Medizin (wo es heute eher um ethische Debatten für die Zukunft geht). Und da heute jedermann und jede Frau über Spike-Proteine debattieren kann, sollten auch hier viel mehr Details öffentlich besprochen und v.a. verständlich und nicht in völlig vermischten Begriffen erklärt werden. Die Profitlogik, der wissenschaftliche Erkenntnisse unterworfen werden, gehört kritisiert – und bekämpft. Die Wissenschaft dient üblicherweise dem Allgemeinwohl und darf diesem nicht entzogen werden. Sie muss gestärkt und verteidigt werden gegen jene (ebenso profitorientierten) Kräfte, die sie und damit das Gemeinwohl auf perfide Weise unterminieren. Dass heute in der medizinischen Wissenschaft mehr Körper als Psychen behandelt werden, liegt am Mangel an entsprechendem Versorgungsausbau. Auch das treibt viele Menschen in die Arme diverser „Heiler“. Es gibt also genug Baustellen für linke Kräfte – die Wissenschaft an sich „zu kritisieren“ gehört nicht dazu (es sei denn, man meint wissenschaftsethische Debatten). Im Gegenteil – dies wäre eine grobe Vereinfachung und „zutiefst“ oberflächliche Herangehensweise, die großen gesellschaftlichen Schaden anrichten würde (und bereits hat). Die Wissenschaftlerinnen, die tatsächlich aktuell forschen (und nicht Bücher verkaufen, „Spenden“ sammeln, lukrative, industriegesponserte Think-Tanks betreiben, oder zahlungskräftige Patientinnen requirieren) sind nicht die großen Profiteure des bestehenden Systems. Viele leiden tatsächlich darunter, dass mehr und mehr Forschungsmöglichkeiten von privaten (Pharma-) Sponsoren abhängen und immer öfter bereits im Vorfeld die spätere Lukrativität der Forschung berücksichtigt werden muss. Auch dass Umweltwissenschaften als „Spinnerei“ gegolten haben, liegt nicht daran, dass die Wissenschaft selbst dem nichts abgewinnen konnte (die Wissenschaft hat bereits im 19. Jahrhundert erstmals von CO2-bedingten Effekten auf die Atmosphäre gesprochen, ab den 1950ern war das allgemein bekannt und anerkannt), sondern am Lobbying großer (Öl-)Industriekonzerne, die sich dafür sogar eigene Think-Tanks leisten (von Exxon Mobile ist inzwischen öffentlich bekannt, dass seit Jahrzehnten gegen die Umweltwissenschaft gearbeitet wird). Auch der Lobautunnel wird von Politik und der beauftragten Firma (ASFINAG) schöngeredet – nicht von den Umwelt- und Verkehrswissenschaftlerinnen.

„Wissenschaftskritik“ ist daher meiner Meinung nach ein verfehlter Begriff, weil er den Kern dessen, was tatsächlich falsch läuft, nicht trifft.

Gesellschaftlich und medial verbreitet wird, was die finanzkräftigste Lobby möchte – in dieses Nest muss gestochen werden. ###

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