Kleine Kritik am großen Aufbruch

[Druckausgabe 16/2016]

Als erstes fiel mir der „zufällige“ Umgang mit Kritik an der Veranstaltung auf. Da gibt es die berechtigte Frage auf Facebook, warum die Finanzierung (15.000 Euro wurden allein für das Liesinger Treffen veranschlagt und sollten per Spenden reinkommen) so hoch angelegt ist und hier nicht im Sinne einer nachhaltigen, solidarischen, gemeinschaftlichen Herangehensweise alternative Lebensweise praktiziert und vorgelebt werden kann und als Antwort kommen vom Vorbereitungskomitee Plattitüden und wenns dann eng wird von einer Privatperson:
„Sich zu 500-800 zu treffen auf einer Wiese um dort gemeinsam etwas zu projektieren ist unmöglich. Und da meine ich nicht einmal nur meterologische Unwägbarkeiten (Hey, liebe VorarlbergerInnen, sorry es regnet, doch erst nächste Woche.) Man kann Geld in hohem Maß mit kollektiven Einsatz ersetzen. Aber ganz ohne Geld gehts halt nicht.“

Das braucht keinen Kommentar mehr. Das war eindeutig eine Absage an eine linke basisdemokratische Herangehensweise. Die wir aber dringend wieder entwickeln und umsetzen müssen, weil sonst existiert sie nicht. Die SPÖ wird uns nicht retten.

Da treffen sich irgendwelche Gruppen und „Einzelpersonen“, die vollkommen unnachvollziehbar übers „Kennen wir – laden wir ein“-Prinzip hinzustoßen, ein Jahr lang im Vorfeld, um Inhalte vorzudiskutieren und sich über eine Organisationsform zu streiten, anstatt dass diese wichtige Debatte öffentlich, transparent und basisdemokratisch oder sonst irgendwie für alle mitbestimm- und gestaltbar geführt wird. Diese Herangehensweise zieht sich dann auch durch. Das wäre an sich nicht so schlimm, wenn nicht ständig propagiert werden würde, dass hier ein neuer basisdemokratischer Versuch einer Neuorganisierung der Linken versucht werden würde, bei dem sich jede und jeder einbringen kann und alle Alles mitbestimmen dürfen. Entweder haltet die Organsatoren die Leute für so blöd oder sie hätten sie gerne so. Das Problem für mich besteht darin, dass dadurch derartige Erwartungshaltungen der berechtigt auf solche Ansätze hoffenden Leute vollkommen vernichtet werden. Diese werden sich dann für lange oder für immer einer linken Bewegung fernhalten, weil so eine Enttäuschung und Verarschung werden sie sich sicherlich nicht noch einmal geben.

Ehrlichkeit ist auch ein linker Wert.

Dieses Brandmal zieht sich dann auch durch die gesamte Veranstaltung: Obwohl es vom „Publikum“ eingefordert wird, wird über die bisherigen Prozesse keine sinnvolle, nachvollziehbare Dokumentation veröffentlicht. Es wird nichts über die inhaltlichen Diskussionen und Auseinandersetzungen und den Widersprüchen während der Vorbereitungstreffen rausgelassen. Von der Vorbereitung bis zum Ende Schweigegelübte statt Transparenz. Sehr katholisch.
Schon die gewählte Großgruppenmoderationsmethode an sich lässt keine Zweifel am Geist der VeranstalterInnen. Ein Real-Time-Strategic-Change-Conference-Setting widerspiegelt neoliberale, leistungsorientierte Ansätze, die zur Umstrukturierung von Firmen und Konzernen genutzt werden und die ganz klar Top-down-Prozesse steuern. Links ist daran sicherlich nichts.

Eine These von Großgruppenmoderation, die nicht manipulieren möchte, ist: das ganze System in einen Raum bringen.

Wolle man wirklich das ganze System in den Raum bringen, müsste man im Vorfeld darauf achten, dass auch das ganze System eingeladen und vertreten ist. Sprich es braucht zuerst einmal eine Diskussion, was links und die Linke überhaupt sein sollen. An der Diskussion müssen sich alle beteiligen können und das lange genug, damit auch Randgruppen, marginalisierte, vorübergehend inhaftierte und sonstwie verhinderte Personen sich an der Debatte beteiligen können. Das geht nicht schnell. Das braucht schon viel Zeit bis es sich rumspricht, dass es überhaupt eine Diskussion darüber gibt und hat sie erst einmal angefangen, wird sie nicht nur einen Tag dauern. Und dann muss man sich überlegen, wie die Leute zur Konferenz kommen bzw. daran sonst wie teilnehmen können. Wie Kleingruppen auf so einem Seminar zusammengestellt werden, damit in jeder Kleingruppe das ganze System abgebildet sein kann. Und das ergebnisoffen ohne irgendwelche inhaltlichen Vorgaben! Sonst erfahren wir eben nie, was die Leute wirklich bewegt. Sonst erfahren wir nur, was andere glauben, was sie bewegt. Das ist aber ein eklatanter Unterschied. Suggestiv, manipulierend, paternalistisch und partizipationsfeindlich.

Viele andere Methoden hätten sich angeboten: Kurt Lewin wollte bei seinen Ansätzen zur Organisationsentwicklung den faschistischen Massenveranstaltungen und die Manipulation der Massen durch diese etwas entgegensetzen. Ebenso wie Ruth Cohn. Auch Harrison Owen, der Entwickler von Open-Space, wollte mit seiner Methode offene Strukturen fördern und dadurch Raum, Zeit, Prozess und Energie für Kommunikation schaffen anstatt einzugrenzen. Die neueste Methode World Cafe von Juanita Brown und David Isaacs gehen noch einen Schritt weiter und überlassen alles den TeilnehmerInnen und nutzen damit kollektives Wissen und machen dieses gleichzeitig transparent und zugänglich. All das und noch viel mehr hätte sich angeboten, aber die intransparente Vorbereitungsgruppe hat ausgerechnet neoliberale rechte Modelle gewählt. Kam angeblich von einer bezahlten Organisationsberatungsfirma. Für wen die wohl gearbeitet hat!?
Der Umgang mit „Minderheiten“, „nicht-österreichischen“ Leuten, Menschen mit besonderen Bedürfnissen und wie immer ihr sie auch nennen wollt, war schlichtweg zum Kotzen: Das Schild, auf dem stand, wo sich der Aufzug für RollstuhlfahrerInnen befindet hing bei der Anmeldung im Veranstaltungsraum. Lesen konnte das nur, wer schon drinnen war…

Die Koordination der DolmetscherInnen wurde quasi diesen selbst überlassen, oder es gab gleich gar keine, weil die Bedarfserhebung ja nur in deutscher Sprache stattfand…

Der Umgang mit Themen, die Vorauswahl und Vorgabe dieser, war ähnlich geartet: Ein Lohnarbeitsfetischismus und eine Staatsgläubigkeit wurde bei allen TeilnehmerInnen seitens der VeranstalterInnen vorausgesetzt. Die Infragestellung des Geldes und eine etwaige Abschaffung desselben, wurde nicht nur nicht in Erwägung gezogen sondern schlichtweg als verrückt abgetan. Auch die Abschaffung von Lohnarbeit an sich und eine Hinterfragung des Begriffes Arbeit durfte nicht einmal angedacht werden. Dogma schau oba!

Feministische Anliegen wurden automatisch berücksichtigt. Oder so was halt so rauskommt, wenns automatisiert wird…

Ebenso ging es MigrantInnen. Nur die Rede von Frau Rubia Salgado vom Verein Maiz hat sie gerettet (1). Eine einzige Frau, die sagt, wo es lang geht. Tolle Linke.
Vermutlich ist ja auch der staatsmonopolistische Kapitalismus noch immer die Lösung aller Probleme, das ließen zumindest einige anwesende KP´ler durchblicken, die eine von ihnen gesteuerte Wohnpolitikkampagne vorgeschlagen haben, damit sie nichts tun brauchen und wir ihre bisherige „Arbeit“ aufpeppen können…

Womit wir auch schon bei der angeblich zufälligen, unparteiischen Zusammensetzung des Vorbereitungskomitees und des Rates wären. SP´ler, Grüne, KP´ler, Trotzkisten und ein kleines Grüppchen unentschlossener Verwirrter (und selbstverständlich auch deren -Innen) behaupteten alle gar nicht organisiert, schon längst ausgetreten oder zumindest am Weg dorthin zu sein. Da war sie wieder die Transparenz… Jedenfalls konnten sich jetzt mal viele junge Leute ansehen, wie die dogmatische Partei-Linke ihre Ziele durchsetzt: Deppen für die Propaganda-Arbeit sammeln war wohl die Devise.

Ja und dann war da noch die nationalistische, eurozentristische, lokalpariotische Betrachtung aller Themen, die sich wie ein Querschnitt durchzug… Weil wir werden das „Flüchtlingsproblem“ (bitte ein Speibsackerl!) im Bezirk lösen. Zumindest versuchen. Vielleicht. Aber was sollen wir schon tun. Das ist ja ein Problem vom Bund. Bund Schnittlauch vermutlich…

Und so könnte man noch stundenlang weiter erzählen. Im Großen und Ganzen war es super. Die Linke wird auch das überleben. Gute Nacht! *Western Union*

(1) https://www.facebook.com/aufgebrochen/videos/285938241794280/

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