Atempause! Ein Gegenvorschlag zur Idee von SOS Mitmensch

Populistenpause! Ein hübscher Vorschlag! Tatsächlich wird das für viele nicht leicht werden, die jeden Bumsti-Furz kommentieren, sich aber an den Vorschlag von SOS Mitmensch halten wollen. Aber das Problem ist komplexer.

Zum einen ist da natürlich dieser Begriff, hier seien meine Einwände aus akin 5/2016 (1) nur kurz erwähnt: Das Wort vom „Populismus“ ist demütigend für das als „dumm“ angesehene „einfache“ Volk, das die Populisten wählt. Denn die vox populi erscheint damit verachtenswert; nur die gebildeteren Schichten, die nicht Strache und Co. wählen, wissen ja, was gut für den Plebs ist. So kommt dieser Begriff daher. Das ist schon mal keine gute Diskussionsbasis für die Auseinandersetzung mit Anhängern rechter Politiker.

Zweitens: Wenn wir bei dem mittlerweile etablierten Begriff bleiben wollen, stellt sich doch die Frage, wer denn jetzt genau die rechten Populisten seien. Sind das hierzulande nur Strache, Hofer, Lugar und deren Gesellen? Mir fallen da ganz andere Namen ein: Kurz, Sobotka, Doskozil – Politiker, die der Boulevard liebt und die Positionen haben, die man als weit rechts stehend ansehen kann, die aber – im Unterschied zur Bumsti-Partie – tatsächlich zumindest teilweise ihre Vorstellungen unmittelbar durchsetzen können. Sollen man auch die mit Bann belegen und einen Monat lang deren Existenz ignorieren? Oder sind Populisten nur diejenigen, die in der Opposition sitzen?

Drittens: Das Vorhaben ist prinzipiell löblich, da ein diesbezüglicher Lernprozeß schon lange notwendig wäre. Schließlich ist es richtig, daß nicht zuletzt bestimmte Formen der Publizität mit echtem oder aufgesetztem antifaschistischen Engagement die FPÖ mit groß gemacht hat – man erinnere sich nur an die unzähligen Haider-Covers des „profil“in den 90ern. Anti-Haider- und Anti-Strache-Texte verkauften und verkaufen sich halt immer gut – egal ob jetzt in monetärer Hinsicht oder nur im Sinne des Aufmerksamkeitsgewinns. Nur: Hätte man all deren Meinungen vollkommen unwidersprochen im Raum stehen lassen sollen? Denn wenn jetzt einen Monat lang wir Gutmenschen nicht über Strache reden, halten sich ja weder der Boulevard noch die mit Bann Belegten selbst wohl kaum an diesen Vorschlag.

Der Bann ist prinzipiell eine gute Idee – nicht nur einen Monat lang, sondern dauerhaft. Nur müßte er anders passieren. Mit einem guten Gefühl, worum es eigentlich geht, hat SOS Mitmensch in seiner No-go-Liste ganz am Anfang die „Sozialen Medien“ angeführt. Einzeilige Pfui-Rufe und lustige Bildchen von Strache, angeheitert in einer Disko, sind wirklich verzichtbar. Unaufgeregte Auseinandersetzung mit den Positionen von Strache über Sobotka bis Doskozil ist aber auch weiterhin dringend notwendig. Klare, gut argumentierte Positionierungen gegenüber Rechten – egal ob in gedruckten Kommentaren oder einem Facebook-Posting – sind sicher auch weiterhin nicht verkehrt. Dabei ist es sicher empfehlenswert, den Focus von den handelnden Personen weg zu den inhaltlichen Fragen zu verschieben, doch wird es wahrscheinlich oft genug nicht möglich sein, diese Personen gänzlich unerwähnt zu lassen. Wir brauchen keinen verkrampften Namensbann, sondern ein Vermeiden von empörten Schnellschuß-Postings, nach denen wir uns besser fühlen, weil wir das Gefühl haben dürfen, unserer fortschrittlichen Gesinnung Genüge getan zu haben.

Not tut eine Publizistik, die es auch nicht dabei beläßt, daß eine bestimmte Position als „rechts“ einzuordnen sei – explizite oder auch nur implizite Vergleiche mit historischen rechten Bewegungen und Regimen jucken die Anhänger rechter Politiker kaum mehr. Den eingefleischten Spießer oder verbohrten Nazi wird man sowieso nicht überzeugen können, aber für diejenigen, die noch ernsthaft diskutieren wollen, müßte ein Angebot da sein – nicht zuletzt oder gerade in den Social-Media-Foren. Einfachen Losungen sollte man da aber eben nicht mit ebenso einfachen Losungen begegnen. Denn genau das ist der Populismus-Vorwurf ja auch: Die Kritik daran, die Dinge der Welt zu vereinfachen. Genauso einfach also „Nazi! Nazi!“ schreien oder den FPÖlern vorzuwerfen, daß sie Rechtschreibprobleme haben, ist da auch nicht viel anders als das, was die „Populisten“ machen.

Vielleicht klingt es seltsam und altbacken, aber die Kritik an der Rechten, den Rechtsextremen, den Populisten oder wie auch immer wir sie nennen wollen, muß seriöser werden. Wir müssen wieder erklären, warum Humanität, Solidarität und soziale Gerechtigkeit bessere Forderungen, Argumente und Werte sind als die, die von den „Populisten“ innerhalb und außerhalb der Regierung aufs Tapet gebracht werden. Und dann können wir deren Namen ruhig erwähnen und müssen es sogar, um die Widerwärtigkeit des Handelns dieser Personen klarzustellen.

Ja, Pausen wären angesagt. Denn wohl sind Atem- oder Nachdenkpausen sinnvoll, bevor man in die Tastatur zu hacken beginnt. Einen Schweigemonat hingegen brauchen wir nicht wirklich.

Bernhard Redl

(1) Im Web: http://akin.mediaweb.at/2016/05wort.htm

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