Persönliche Assistenz: Innovation oder moderne Sklaverei?

Beobachtungen einer arbeitssuchenden Betreuerin

Persönliche Assistenz ist unter anderem ein Fachbegriff aus dem Arbeitsfeld der Behindertenbetreuung. Er klingt gut, dieser Begriff. Er beschreibt, dass die zu begleitenden Personen, die Hilfestellungen in der Bewältigung ihres Lebens bedürfen, diese auf ihre individuellen Bedürfnisse abgestellt erhalten, ohne sich den Zwängen von Institutionen anpassen zu müssen, und ihre Begleiter_innen ihnen nach ihren Maßstäben zur Verfügung stehen. Keine Einrichtung der Behindertenhilfe, keine Institution, keine oft übermächtigen Betreuer_innen machen Vorschriften: die Person mit „Beeinträchtigung“ ist der Boss und definiert die Regeln des „Personals“. Soviel zur Ausgangssituation.

Nur: Menschen mit „Beeinträchtigungen“ sind keine besseren Menschen. Sie sind keine besonderen Wesen, die über mehr Mitgefühl verfügen als andere auch. Sie haben dieselben Gefühle, auch die Sehnsucht nach Reichtum ist ihnen nicht fremd. Und sie können grausam und ausbeuterisch handeln. Es ist verstehbar, denn sie kämpfen um ihr Überleben. Dabei können einige schon unbarmherzig werden. Wer sein Leben lang erfahren hat, was es beinhaltet, ständig um sein Leben kämpfen zu müssen, mag verlernt haben, anderen Menschen mit offenen Herzen zu begegnen.

Die Psychiatriereform war eine Errungenschaft. Persönliche Assistenz ist es ebenso. Ein neuer Schritt in Richtung Selbstbestimmung. Nur: den zu begleitenden Menschen steht ein „Arbeitsheer“ gegenüber, dem oft genug auch minimale arbeitsrechtliche Standards vorenthalten werden. Im stillen Kämmerlein der der Hilfe benötigenden Person gibt es keine arbeitsrechtlichen Grundsätze und natürlich auch keinen Betriebsrat oder eine Rechtspersönlichkeit, die nötigenfalls klagsrelevante Umstände einbringen könnte.

Ich möchte anonym bleiben, also erzähle ich eine wahre Geschichte. Eine Dame mittleren Alters hielt Ausschau nach einer persönlichen Assistentin, ich wurde vorstellig und durfte erfahren, dass besagte Dame einige Bedingungen zu stellen gedachte: es käme ihr sehr gelegen, ihre Mahlzeiten mit mir gemeinsam einzunehmen. So weit so gut. Diese müsse sie mir allerdings in Rechnung stellen. So weit klingt das fair. Sie könne mir bestimmte Arbeitszeiten anbieten, doch würden sich diese von Woche zu Woche verändern können. Einen Arbeitsplan, auf den ich mich einstellen könnte, gäbe es nicht. Auch hätte sie des öfteren nachts Schmerzen und müsste im Bett umgedreht werden, in diesem Fall verlange sie, dass sie mich nur anzurufen brauche, so dass ich mich ins nächste Taxi setze, um egal um welche Uhrzeit sie in ihrem Bett umzulagern, eventuell noch eine Suppe zur Kräftigung ihres willens es wäre, diese zu zubereiten. Ich kann diese Bedürfnisse verstehen und bin auch noch bereit, danach zu handeln. Die Dame ist hilfsbedürftig. Aber das macht sie noch nicht zu meiner Oma. Das macht sie noch nicht zu einer so mächtigen Person, der ich ohne irgendeiner arbeitsrechtlichen Absicherung zur Verfügung zu stehen gedenke.

Auf die Frage, was eine permanente Arbeitsbereitschaft ihr an Gehalt wert wäre, bekam ich statt einer konkreten Antwort ein mildes Lächeln. Sie hatte mit meinem Mitleid gespielt. Und natürlich ist sie auch der Meinung, daß nächtliche Umdrehbesuche, die wohl kaum eine Viertelstunde dauern, auch nur so bezahlt werden — die Anfahrtszeit ist ihr egal.

Das Ende der Geschichte ist unglaublich. Die grausame Tante hatte ihre Assistentin, die sie morgens zu begleiten wünschte, nach einer langen Nacht mit starken Magenschmerzen für einen Besuch im Krankenhaus entlassen. Danach hat besagte betuchte Dame versucht, mich mit ihrem Computer vertraut zu machen und ist ungeduldig geworden, da ich mich nicht sofort zurecht gefunden hatte, so hatte sie ihre kranke Assistentin per Telefon „zurückgepfiffen“, damit diese mir das PC-System erklären sollte.

Ich fand das erbärmlich. Hat ein Mensch, der der Hilfe bedarf, das Recht, andere als seine Sklaven zu behandeln?

Ich verstehe den Zorn, der es mit sich bringt, immer abhängig zu sein. In allen physischen Angelegenheiten. Das Schamgefühl wird durchbrochen. Ich verstehe auch die Erbitterung, die Abhängigkeit mit sich bringt.

Ich kann verstehen, dass ein Mensch, der Zeit seines Lebens in allen Angelegenheiten auf Unterstützung angewiesen ist, verbittert wird, abstumpft. Ich mag aber nicht akzeptieren, dass sich hier ein neuer Sklavenmarkt auftut. Menschen mit Beeinträchtigung sind lange genug geknebelt worden, das gibt ihnen nicht das Recht, auch wenn sie nun in die Lage gebracht worden sind, selbst aussuchen zu können, mit wem sie arbeiten wollen, diese Menschen als ihre Untergebenen ohne Rechte zu missbrauchen.

Ein lieber Freund und Behindertenbegleiter hatte es einmal so formuliert: Die Idee der persönlichen Assistenz ist wundervoll und ein Fortschritt, aber er möchte dort nicht arbeiten. Zu begleitende Personen sollten ebenfalls eine Schulung und Übung absolvieren, um zu begreifen, wie sie mit ihren Helfer_innen ein angenehmes Auskommen finden könnten.

Den Helfer_innen mangelt es nicht an Schulung. Einübung im Umgang mit ihren sie unterstützenden Personen benötigen die zu begleitenden „Behinderten“. Oft genug sind diese unfähig, sich anständig zu verhalten. Das mag ihrem Schmerz, ihrem Neid, ihrer Unfähigkeit geschuldet sein, ein sogenanntes „normales“ Leben zu führen. Es gibt ihnen aber nicht das Recht, Menschen die sie beneiden, wie Dreck zu behandeln.

Die Konzeption der persönlichen Assistenz beruht, sollte sie eine zukunftsweisende Richtung beinhalten, auf gegenseitigen Respekt, auf Wohlwollen: und nicht auf Herrschaftswillen, der daraus resultiert, jemanden unter sich zu haben, um sich überlegen zu fühlen.

(Namen der Autorin der Redaktion bekannt)

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