Die bösen Experten

Eine Presseschau
(31.3.2020)

“Ich hab daher auch wenig Verständnis für die Kritik von manchen Experten an den Vorhaben, die wir hier planen, die aus meiner Sicht sehr sinnvoll und richtig sind.” Nein, das ist kein aktuelles Zitat des Bundeskanzlers, sondern stammt noch aus den Zeiten der Basti-Bumsti-Regierung und betraf eine Strafrechtsreform, bei der höhere Strafen bei Gewaltdelikten die Ultima Ratio waren. Jetzt hat er gesagt: “Ich halte es für ein großes Problem, dass es nach wie vor viele Verharmloser gibt, auch unter den Experten.”

Dabei hat es der Gesalbte eigentlich schon mit Experten. Er zitiert sie ständig. Aber das sind halt nur die Experten, die das Gleiche wie er für “sinnvoll und richtig” halten. Blöd, daß man in Österreich noch kein Gesetz wie in Ungarn hat, daß das, was die Regierung als Fake News deklariert, unter Strafe stellt. Ganz schlimm ist es aber, wenn da Experten im Ausland eine andere Meinung haben als der Bundeskanzler. Die scheren sich nämlich nichts um seine Meinung und wollen auch keine Lehr- und Studienaufträge in Österreich. Drei Beispiele:


1) Sucharit Bhakdi

“Bhakdi stellt sich mit diesem Interview bewusst gegen den Konsens der Wissenschaft, Universitäten, Staatengemeinschaft und der WHO. … Dementsprechend findet seine Meinung auch in den meisten Medien und staatlichen Stellen wenig Widerhall und beschränkt sich auf Youtube und Verschwörungsgruppen bzw. Plattformen, die dem Interview des emeritierten Professors viel Aufmerksamkeit schenken, um eigene Verschwörungstheorien zu bestätigen.” Ja, das ist natürlich ein Argument, daß da mimikama.at bringt. Okay, ein Konsens der Wissenschaft ist vielleicht nicht unbedingt gegeben, schließlich ist der gescholtene Mediziner und Mikrobiologe auch Teil der Scientific Community. Und die “Staatengemeinschaft” sind auch nur die Staaten, die der selben Meinung sind wie jene Experten, denen der Gesalbte vertraut. Und die WHO, naja, deren Ruf war auch schon mal besser, damals nämlich, als sie nur von Pflichtbeiträgen der Mitgliedsstaaten lebte und nicht von Konzernspenden (siehe Link unten).

Vielleicht hat Bhakdi unrecht damit, daß die hohen Todesraten in Wuhan und Norditalien auch etwas mit der Luftverschmutzung in diesen Regionen zu tun hat — das ist das Hauptargument von mimikama, warum dem Professor nicht zu trauen sei, weil die Luft in der Region um Bergamo weitaus weniger verschmutzt sei als die in der chinesischen Großstadt. Aber was er sonst zu sagen hat, ist nicht so leicht von der Hand zu weisen. Vor allem zweifelt er die tatsächliche Gefährlichkeit des Virus an. Da kann mimikama nur mit Zitaten des Robert-Koch-Instituts kontern — was jetzt nicht wirklich gut kommt, denn Bhakdi hat seine Stellungnahme ja genau deswegen gemacht, weil er anderer Meinung ist als solche Institutionen wie das staatliche RKI.

Zur Ehrenrettung von mimikama sei gesagt, daß sich die Plattform nur mit dem schon weit verbreiteten Youtube-Video auseinandersetzte — in dem Bhakdi, wie bei solchen Videos üblich, versucht, komplexe Zusammenhänge einer breiten Masse anschaulich zu machen. Jetzt hat aber Bhakdi an die deutsche Kanzlerin Merkel einen Brief verfaßt, der weitaus klarer ist. Darin kritisiert er vor allem etwas, was vor ihm schon viele nachfragten, die aber weder in Deutschland noch in Österreich eine eindeutige Antwort bekamen: Die genaue Information, wie den die Corona-Toten gezählt werden. (Update unter (1))

Bhakdi: “Eine Reihe von Coronaviren sind – medial weitgehend unbemerkt – schon seit Langem im Umlauf. Sollte sich herausstellen, dass dem COVID-19-Virus kein bedeutend höheres Gefahrenpotential zugeschrieben werden darf als den bereits kursierenden Coronaviren, würden sich offensichtlich sämtliche Gegenmaßnahmen erübrigen.” Er beruft sich auf eine Studie In einer Fachzeitschrift die zum Schluss käme, “dass das neue Virus sich von traditionellen Coronaviren in der Gefährlichkeit NICHT unterscheidet. Dies bringen die Autoren im Titel ihrer Arbeit ‘SARS-CoV-2: Fear versus Data’ zum Ausdruck.” Und weiter: “Wurde die obige Studie in den bisherigen Planungen zur Kenntnis genommen? Auch hier muss natürlich gelten: Diagnostiziert heißt, dass das Virus auch maßgeblichen Anteil an dem Krankheitszustand des Patienten hat, und nicht etwa Vorerkrankungen eine größere Rolle spielen.” Denn es werde “weltweit der Fehler begangen, virusbedingte Tote zu melden, sobald festgestellt wird, dass das Virus beim Tod vorhanden war – unabhängig von anderen Faktoren. Dieses verstößt gegen ein Grundgebot der Infektiologie: erst wenn sichergestellt wird, dass ein Agens an der Erkrankung bzw. am Tod maßgeblichen Anteil hat, darf die Diagnose ausgesprochen werden.”

Dieser Zählfehler ist mittlerweile aus Italien bekannt — auch damit lassen sich Zweifel an der Seriosität der kolportierten Mortalität ableiten. Auch hat der Präsident des RKI mittlerweile zugegeben, daß man das an seinem Institut so zähle. Allerdings dürften das nicht alle Erfasser in Deutschland so handhaben. Das interessiert aber weder Massenmedien noch die Politik. Die Frage bleibt: Was soll an diesem Einwand unseriös sein?

Interview: https://youtu.be/N2cn-uI8pDE
Brief an Merkel:
https://swprs.org/offener-brief-von-professor-sucharit-bhakdi-an-bundeskanzlerin-dr-angela-merkel/
Kritik: https://www.mimikama.at/allgemein/arzt-verharmlost-coronavirus-faktencheck/
Deutschlandfunk 2018 über die WHO: Was gesund ist, bestimmt Bill Gates
https://www.deutschlandfunkkultur.de/unabhaengigkeit-der-weltgesundheitsorganisation-gefaehrdet.976.de.html?dram:article_id=423076


2) Gerd Bosbach

Bosbach ist jetzt nicht so wirklich das, was man bei der ÖVP als Experten ansehen würde — der hat sich ja bei konservativen Kreisen schon früher damit unbeliebt gemacht, daß er meinte, die Horrorzahlen bezüglich der zukünftigen Unfinanzierbarkeit der deutschen Pensionsysteme seien Unfug. Der Mann redet von wachsender Produktivität und mangelnder Verteilungsgerechtigkeit. So jemanden kann man doch nicht erstnehmen!

Bosbach ist Mathematiker mit dem Spezialgebiet Sozial- und Gesundheitsstatistiken. Und was er zu Corona sagt, ist auch nicht so ganz nach dem Geschmack der hiesigen Regierungsexperten. Das sind wohl die gleichen wie die, über die Bosbach poltert: “Solchen Wissenschaftlern würde ich gerne Kamera oder Mikrofon entziehen!” (So auch der Titel eines Interviews auf nachdenkseiten.de.) Bosbach, obwohl einer völlig anderen Wissenschaftsgilde angehörig, stößt ins gleiche Horn wie Bakhdi: Die Todesfallstatistik ist ohne normierte Standards Unsinn.

Die daraus resultierenden Hochrechnungen schauen danach auch aus. Der Nachdenkenseiten-Interviewer zitiert eine Prognos der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, “dass wir in Deutschland in einhundert Tagen mehr als eine Million Patienten haben werden, die einer intensivmedizinischen Betreuung bedürfen”. Der Interviewer fragt den Statistiker, wie den so etwas zustandekäme. Bosbach: “Solche Gesellschaften und Verbände möchten in die Öffentlichkeit kommen. Vielleicht reizt dies unbewusst, statistische Modelle zu akzeptieren, die extreme Aussagen zur Folge haben. Solche Aussagen werden von den Medien gerne aufgenommen und weiter verbreitet. … Ich möchte da keine böse Absicht unterstellen, aber das ist natürlich ein katastrophales Vorgehen. Dann hat man sich korrigiert und dies als wörtlich ‘aktualisierte Version mit angepassten Modellparametern’ bezeichnet, anstatt den Fehler einzuräumen. Kein Journalist konnte daraus schnell den Fehler vom Vortag erkennen. Und so wird die bedrohliche Zahl in einigen Köpfen weiter wirken.”

Und auch in den Köpfen der Politiker wirkt das: “Wenn wir den Experten zuhören, bin ich dafür, dass wir uns an jenen orientieren, die die dramatischeren Szenarien zeichnen”, meinte Vizekanzler Kogler neulich bei einer Pressekonferenz. Da darf man sich dann aber nicht wundern, wenn ein Topfen dabei rauskommt.

Zurück zum Bosbach-Interview. Dieser stellt die Relationen klar: “Immerhin starben 2018 in Deutschland im Schnitt 2.600 Menschen pro Tag. Da sind statistisch gesehen die bislang knapp über 200 Todesfälle in 14 Tagen durch Corona eine kaum bemerkbare Größe.” Wenn die Dynamik so fortschreite, könnte sich das freilich ändern, aber: “Im Moment analysieren wir die Zahlen der Vergangenheit. Was die Zukunft betrifft – und das ist eine deutliche Warnung – haben wir einfach keine Zahlen. Wir können zwar die Zahlen und Entwicklungen der letzten Tage hochrechnen, wissen aber nicht, ob es auch so eintreten wird.”

Was aber, wenn sich nachträglich herausstellen sollte, daß diese ganzen harten Maßnahmen unnötig waren, will der Interviewer wissen. Bosbach vergleicht das mit der großen Angst 2009 vor der Schweinegrippe: “Das ist heute vergessen, da es nach der ausgebliebenen Krise auch nicht aufgearbeitet wurde. Die Schweinegrippe wurde völlig überschätzt und verlief schlussendlich milder als viele saisonalen Grippen der Vorjahre. Man hätte aufarbeiten müssen, warum die Schweinegrippe damals medial derart inszeniert wurde und warum die Politik mit drastischen und damals durchaus unbeliebten Maßnahmen bei der Impfstoffstrategie reagiert hat. Daraus hätte man u.a. die Lehre ziehen können, nicht auf einzelne Einflüsterer zu hören. Und, dass man möglichst früh genug saubere Daten braucht. Jetzt ist es schon fast zu spät, aber zum Anfang der Corona-Epidemie hätte man beispielsweise repräsentativ einen Stadtteil, ein Dorf oder einen Großbetrieb testen können, und hätte so wichtige Daten als Entscheidungsgrundlage gehabt. National und international wird uns nach der Krise so einiges auffallen, inklusive der wirtschaftlichen und sozialen Probleme, die durch heutige Entscheidungen hervorgerufen wurden. Das gehört schonungslos aufgeklärt, um für nächste Krisen Erfahrungen zu sammeln.”

Da denkt sich der Leser, daß kaum je ein Regierungspolitiker an schonungsloser Aufklärung von irgendwas aus seiner Amtszeit interessiert war. Wenn sich die zusätzliche Sterblichkeit übers Jahr gesehen tatsächlich in Grenzen gehalten haben sollte, wird das entweder niemanden mehr interessieren oder es wird heissen, die strengen Maßnahmen hätten uns gerettet.

https://www.nachdenkseiten.de/?p=59617
3) Wesley Pegden

Noch so ein Statistiker. Pegden ist Assistenzprofessor in Pittsburgh und stellt ganz andere Berechnungen an. Es könnten nämlich die Eindämmungsmaßnahmen Effekte haben, mit denen gerade jetzt niemand rechnen möchte. Denn eines ist klar: Ganz wegbekommen wird man dieses Virus so schnell nicht — außer eben, wenn die berühmte Herdenimmunität gegeben ist oder ein Impfstoff. Der Impfstoff wird derzeit prognostiziert frühestens Ende 2020 vorhanden sein und die Durchseuchung der Gesellschaft ist ja etwas, was kurzfristig gerade eben verhindert werden soll. Das Virus wird wohl den Sommer überleben, aber die Quarantänemaßnahmen werden es kaum. Und damit hätten wir im Herbst erst recht wieder eine ungebremste Pandemie. Pegden: “Die Dauer der Eindämmungsbemühungen spielt keine Rolle, wenn sich die Übertragungsraten am Ende wieder normalisieren und sich die Sterblichkeitsraten nicht verbessert haben. Dies liegt einfach daran, dass, solange eine große Mehrheit der Bevölkerung nicht infiziert ist, die Aufhebung von Eindämmungsmaßnahmen zu einer Epidemie führen wird, die fast so groß sein wird, wie dies ohne Abhilfemaßnahmen der Fall gewesen wäre.” Mit der Parole “Flatten the Curve” wird man da laut Pegden also kaum weit kommen, sondern es wäre nur ein Verschieben des Peaks auf später.

Pegdens Blogbeitrag trägt übrigens den Titel “Ein Aufruf zur Ehrlichkeit bei der Modellierung von Pandemien”. Ehrlichkeit ist aber auch so etwas, was bei Regierenden generell eher nicht so gut angeschrieben ist.

https://medium.com/@wpegden/a-call-to-honesty-in-pandemic-modeling-5c156686a64b


Fazit:

So viele Experten und ein jeder sagt was anderes. Euer Zeitungsleser hat noch ein ganzen Haufen davon, die drei obzitierten sollen nur Beispiele sein. Tja und da soll man als Politiker Entscheidungen treffen?

Es scheint, als wäre die Empörung der meisten EU-Regierungen über das deviante Verhalten der schwedischen Entscheidungsträger weniger dadurch begründet, weil man wirklich der Meinung sei, deren Verhalten wäre verantwortungslos, sondern weil es den “Konsens der Wissenschaft, Universitäten, Staatengemeinschaft und der WHO” in Frage stellt. Wenn Rußland das Virus ignoriert oder Turkmenistan sogar, wie kolportiert, das Wort “Coronavirus” verbietet, kann das den Zuständigen in den EU-Staaten egal sein. Aber den Staat, in dem jährlich der Medizinnobelpreis vergeben wird, kann man schlecht ignorieren. Wenn in Schweden jetzt die Menschen nicht bald damit anfangen, wie die Fliegen zu sterben, stünden diese EU-Regierungen aber wirklich blöd da. Und mit ihnen sämtliche Experten und Institutionen, auf die man gehört hat.
Zeitungsleser: -br-
(aus akin 8a/2020)

(1) Update 2.April: Auf der Homepage des Gesundheitsministeriums wird es jetzt doch
klargestellt: “Jede verstorbene Person, die zuvor COVID-positiv getestet wurde, wird in der Statistik als ‘COVID-Tote/r’ geführt, unabhängig davon, ob sie direkt an den Folgen der Viruserkrankung selbst oder „mit dem Virus“ (an einer potentiell anderen Todesursache) verstorben ist.” Das steht allerdings nur in einer Fußnote, ob die in der Allgemeinheit registriert wird, steht auf einem anderen Blatt.

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